Elternarbeit: Was Sie von der Gesprächsführung nach Carl Rogers lernen können


28.09.2015

Bestimmt kennen Sie das auch: Sie stehen vor einem Elterngespräch und wissen schon im Vorfeld, dass die Eltern mit einigen problematischen Fragen auf Sie zukommen werden. Oft reagieren wir dann so, dass wir sofort überlegen, wie wir unserem Gegenüber helfen können, und verteilen Ratschläge. Dabei geht es in 1. Linie oft um etwas ganz anderes: Die Eltern wollen in ihren Sorgen und Nöten ernst genommen und gehört werden. Die Erfahrung zeigt, dass die „schnellen“ Ratschläge meist mit einem „Ja, aber …“ oder „Das geht nicht, weil …“ niedergeschmettert werden.

Carl Rogers, ein amerikanischer Psychologe, entwickelte in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts 3 sogenannte Variablen, die zu einer guten Gesprächsentwicklung beitragen. Diese können Sie für Ihre Elternarbeit einsetzen. Und so gelingt´s:

 

1. Variable der Carl Rogers Gesprächsführung: Wertschätzung

Die Eltern bekommen während des Gesprächs von Ihnen bedingungslose Wertschätzung. Dies betrifft sowohl die Problematik, die sie schildern, als auch die Eigenheiten.

Beispiel: Raffaels Mutter schildert Ihnen, dass ihr Sohn seit einiger Zeit nachts wieder einnässt. Sie hat sich schon verschiedentlich umgehört, aber ist dabei mehr auf Vorwürfe gestoßen als auf echte Hilfestellung. Diese Aussagen verunsichern und verärgern sie sehr, da sie sich nun schuldig und angegriffen fühlt.

Sie können der Mutter nun positiv und wertschätzend begegnen, indem Sie …

  • das, was die Mutter geschildert hat, vorbehaltlos annehmen, also nicht in Frage stellen.
  • sich mit ihr solidarisch erklären und zum Ausdruck bringen, dass Sie sehr gut nachvollziehen, wie ungerecht und angegriffen sich die Mutter nun fühlt.
  • sie ermutigen, nicht aufzugeben und sich nichts einreden zu lassen. Vermitteln Sie ein Gefühl von Hoffnung und dass Sie ihr gerne in dieser Frage zur Seite stehen.

Danken Sie zudem der Mutter, dass sie sich Ihnen so öffnet und davon berichtet, denn das hat auch etwas mit Wertschätzung – von beiden Seiten – zu tun!

 

2. Variable der Carl Rogers Gesprächsführung: Empathie

Mit Empathie ist ein einfühlsames Verstehen gemeint. Jeder Mensch sieht die Welt und ein Problem aus seiner Sichtweise, mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Und so sieht die Welt eben für jeden Menschen auch etwas anders aus. Mit diesen Sätzen im Kopf gelingt es Ihnen viel leichter, die Sicht- und bisherige Vorgehensweise der Mutter anzuerkennen und so stehen zu lassen.

Bleiben wir beim obigen Beispiel: Sie können Raffaels Mutter nun im Gespräch empathisch gegenübertreten indem Sie …

  • wiederholen, was die Mutter gesagt hat, und ihr damit die Möglichkeit geben, das Gesagte selbst zu reflektieren. Zudem klären Sie damit ab, ob Sie alles richtig verstanden haben, und die Mutter erhält die Bestätigung, dass ihr zugehört wird.
  • Gefühle benennen, die Sie bei der Mutter wahrnehmen: „Ich kann mir vorstellen, dass Sie das richtig ärgerlich gemacht hat…“, und damit die Möglichkeit geben, die eigenen Gefühle bewusst wahrzunehmen. Das kann den Lösungsprozess erheblich beschleunigen.

Loben Sie zudem die Mutter für das, was sie bisher alles an Kraft und Ideen aufgebracht hat.

 

 

3. Variable der Carl Rogers Gesprächsführung: Kongruenz

Mit Kongruenz ist Übereinstimmung gemeint. Das, was Sie sagen und denken, sollte zusammenpassen, also „echt“ sein. Wenn Sie denken: „Die Mutter macht sich viel zu viele Sorgen, das wird schon wieder vergehen!“, zu ihr aber sagen: „Ich kann verstehen, dass Sie sich viele Sorgen machen!“, sind Sie nicht kongruent. Ihr Gesprächsgegenüber wird dies über kurz oder lang spüren. Wenn Sie etwas denken, das Sie nicht unbedingt aussprechen möchten, können Sie entweder auf einen anderen Aspekt eingehen, also eine andere Frage / Aussage formulieren und den Gedanken beiseiteschieben.

Vielleicht gelingt es Ihnen aber auch, bei der Mutter nachzuhaken, was sie genau umtreibt. Die Grundhaltung ist dabei immer: „Ich möchte verstehen, wie der andere tickt und warum er dies tut.“ Dann helfen Sie der Mutter, indem Sie sagen: „Wie kommt es, dass Sie sich so viele Sorgen machen? Was ist Ihre größte Befürchtung?“ Und: „Ich kenne eine ähnliche Situation von mir. Da habe ich mir viele Gedanken gemacht, und meine Freunde meinten, ich solle mir nicht den Kopf zerbrechen. Aber irgendwie ging es nicht anders. Es war eben eine Herzensangelegenheit, da konnte ich die Gedanken nicht abschalten.“

Wie Sie an dem 2. Satz sehen können, kann Kongruenz auch bedeuten, dass Sie etwas von sich zu erkennen geben. Vielleicht fällt Ihnen tatsächlich eine ähnliche „Zwickmühle“ ein. Indem Sie der Mutter dies erzählen, öffnen Sie sich und geben zu erkennen, dass Sie sie auf eine Art auch verstehen. Achtung: Dabei geht es nicht darum, konkrete private Dinge zu erzählen. Sondern es geht lediglich darum, der Mutter zu spiegeln, dass ihr Sorgenverhalten völlig „normal“ ist.

Wenn Sie diese 3 Variablen in Gesprächen berücksichtigen, werden Sie spüren, wie sich Eltern Ihnen gegenüber öffnen und auch für ausgewählte Lösungsmöglichkeiten offen sind.


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