Gelassen bleiben – 11 Strategien


05.11.2017

Die schlechte Nachricht gleich vorneweg: Die Chance, dass in Ihrer Zusammenarbeit mit den Eltern alles perfekt läuft, ist gleich null. Dennoch verwenden Sie sehr viel Energie darauf und machen sich viele Gedanken. Gedanken über Dinge, die gar nicht in Ihrer Hand liegen, weil sie vielleicht in die Verantwortung der Eltern gehören. Gedanken auch über Dinge, die gar nicht so wichtig sind, weil sie bei genauer Betrachtung Kleinigkeiten betreffen.

Jetzt aber schnell zur guten Nachricht: Es gibt eine Menge ganz einfacher Strategien, die Ihnen zu mehr Gelassenheit verhelfen: Weil Sie damit schnell erkennen können, was wirklich wichtig ist – und Ihre Energie und Ihr Engagement wieder ganz dafür verwenden, wo es sich eindeutig lohnt. Und weil Sie ganz anders empfinden und reagieren als jede Ihrer Kolleginnen, brauchen Sie auch
Ihre eigene Strategie für mehr Gelassenheit.

Deshalb finden Sie im Folgenden eine reiche Auswahl, aus der Sie selbst aussuchen können, was Sie anspricht und was davon genau zu Ihnen passt. Probieren Sie diese noch heute aus!

1. Strategie: Jetzt oder nie!

Ja, das passiert: Ihre witzige Bemerkung heute Morgen hat Michaels Mutter völlig falsch verstanden. Und Frau Maier hat ihren Termin wieder nicht wahrgenommen, weil sie ewig im Stau stand.

Überlegen Sie, ob Sie das Problem lösen können. Ja? Dann handeln Sie jetzt! Sprechen Sie Michaels Mutter noch einmal an und klären Sie das Missverständnis. Schon geht es Ihnen besser – und vermutlich auch der Mutter.

Nein, das Problem kann nicht gelöst werden? Dann denken Sie auch nie mehr darüber nach. Denn es lohnt sich nicht, über den verpassten Termin für das Elterngespräch mit Frau Maier zu grübeln oder sich gar zu ärgern. Gehen Ihre Gedanken dennoch immer wieder in diese Richtung, dann sind Sie streng mit sich und verbieten sich diese ganz bewusst.

2. Strategie: Her mit der Hochstimmung!

Sie sind richtig aufgeregt, weil das Krisengespräch mit Maras Vater gleich beginnt, an dem auch die Elternvertretung Ihrer Kita teilnimmt. Also atmen Sie tief ein und aus und versuchen Sie, sich so zu beruhigen. Es gibt aber eine effektivere Methode, wie Sie wieder zu Gelassenheit und Souveränität finden!

Studien der Harvard-Universität zeigen, dass Sie sich nicht beruhigen, sondern in Hochstimmung versetzen sollten. Während dieser Studien mussten Testpersonen eine Rede halten, eine Rechenaufgabe lösen oder Karaoke singen. Eine Vergleichsgruppe versuchte, ihre Aufregung mit dem Satz „Ich bin ganz ruhig!“ zu bekämpfen. Die andere Gruppe sollte sich mit dem Satz „Ich bin total aufgedreht!“ aufheitern. Und das Ergebnis zeigte eindeutig: Die Teilnehmer der 2. Gruppe hatten mehr Selbstvertrauen und waren weniger aufgeregt. Sie lösten ihre jeweiligen Aufgaben
besser.

Seien Sie also mutig und heitern Sie sich vor dem nächsten schwierigen Gespräch mit Eltern mit dem Satz auf: „Ich bin total aufgedreht!“

3. Strategie: Ins Auge des Sturms!

Als Auge des Sturms kennen Sie die fast windfreie Zone im Zentrum eines Wirbelsturms, die wie isoliert vom Rest erscheint. Stellen Sie sich das Auge des Sturms genau vor – und nutzen Sie dieses Leitbild, wenn Sie sich das nächste Mal wieder im Chaos befinden. Etwa dann, wenn Frau Müller im Entwicklungsgespräch nicht mehr aufhört, sinnlose Begründungen für die Entwicklungsverzögerung ihrer Tochter vorzubringen – und Sie spüren, wie Ihr Blutdruck steigt.

Oder dann, wenn während der Abholzeit mehrere Eltern – „Nur ganz kurz!“ – ihre Anliegen möglichst gleichzeitig versuchen loszuwerden. Regen Sie sich nicht auf, sondern suchen Sie das Auge des Sturms: Ziehen Sie sich in das ruhige Zentrum in Ihrem Inneren zurück, konzentrieren Sie sich kurz auf Ihre Atmung und hören Sie ruhig und aufmerksam zu. Im Auge des Sturms schützen Sie sich selbst vor aller Hektik und Aufregung.

4. Strategie: Sich selbst Freundin sein

Sie wissen nicht mehr weiter, sind im Tief, würden diese „MeckerMutter“ am liebsten nur noch von hinten sehen? Dann gehen Sie mit sich selbst um, wie Sie es mit einer guten Freundin tun würden. Denn gegenüber einer Freundin in Schwierigkeiten sind Sie sehr mitfühlend, raten ihr: „Mach dich nicht verrückt, niemand ist perfekt!“

Denn kennen Sie das? Betrifft es Sie selbst, urteilen Sie oft viel strenger über sich. Das machen Sie ab jetzt anders: Sind Sie wieder einmal zu selbstkritisch oder einfach nur genervt, dann trösten Sie sich auf die gleiche Weise, wie Sie es bei Ihrer Freundin tun. Zeigen Sie ab jetzt mehr Mitgefühl für sich selbst!

5. Strategie: Einfach gehen!

Wenn Sie wieder einmal darüber nachgrübeln, wie Ihr nächster Elternabend endlich mehr Schwung und Frische bekommen könnte, wie Sie mit Tims Mutter über ihre Alkoholfahne reden könnten, oder auch einfach, was Sie eigentlich selbst wollen oder brauchen, dann gehen Sie!

Nehmen Sie sich in der Mittagspause Zeit für einen Spaziergang oder planen Sie bewusst, den Arbeitsweg zu laufen. Die rhythmische Bewegung des Körpers während des Gehens übt eine beruhigende Wirkung auf Sie aus. Der unruhige Geist in Ihrem Kopf kann nun zur Ruhe kommen. Der Philosophieprofessor und Buchautor Frédéric Gros nennt das so: „Die Freiheit während
des Gehens besteht darin, dass du niemand bist. Der Körper, der spazieren geht, besitzt keine Geschichte, nur einen uralten Lebensfluss.“

6. Strategie: Humor hilft!

Mir fiel vor Kurzem eine Postkarte in die Hände, auf der steht: „Humor ist für Leute, die nichts zu lachen haben.“ Sie hängt jetzt gut sichtbar in meinem Gruppenzimmer und erinnert mich daran: Humor ist die effektivste SOS-Strategie, darin sind sich nicht nur Psychologen einig.

Mit Humor über die Launen des Schicksals zu lachen glättet die Wogen, entspannt die Lage und schützt vor Überreaktionen – z. B., als Sie die Kinder beim letzten Spaziergang mächtig gehetzt haben, um wirklich pünktlich in der Kita zurück zu sein. Nur damit sich die Mutter von Franz nicht wieder über Ihre „Unpünktlichkeit“ beschweren kann – die dann selbst viel zu spät kam.

7. Strategie: Machen Sie es mit links!

Stellen Sie fest, dass Sie im Kontakt mit den Eltern immer ungeduldiger werden, vielleicht sogar fast die Selbstbeherrschung verlieren? Dann benutzen Sie öfter Ihre nichtdominante Hand. Sind Sie z. B. Rechtshänderin, dann nutzen Sie für einfache Tätigkeiten bewusst Ihre linke Hand, z. B. um in der Tasse zu rühren oder die Computermaus zu steuern.

Wissenschaftler an der New South Wales Universität haben nämlich herausgefunden, dass dadurch die Selbstbeherrschung gestärkt wird: Sie reagieren gelassener und weniger impulsiv – auch wenn es mit den Eltern mal wieder schwierig wird.

8. Strategie: Messen Sie nur sich selbst

Ihrer Kollegin scheint es immer besser zu gelingen, auch bei den anstrengendsten Eltern noch charmant und höflich zu bleiben? Und Ihnen fiel der Small Talk auf dem letzten Elternfest nicht so leicht wie scheinbar allen anderen Kolleginnen?

Dann hören Sie jetzt auf, sich mit anderen zu vergleichen, sondern legen Sie eigene Maßstäbe für Ihre eigenen Leistungen an! Denn glückliche Menschen achten Untersuchungen zufolge weniger
darauf, wie sie auf andere wirken. Vielmehr nehmen sie sich selbst zum Maßstab und statt der Frage „Was mögen die Anderen von mir denken?“ fragen sie sich: „Ist es aus meiner Sicht oder für mich selbst gut genug?“

Schielen Sie das nächste Mal also nicht zu Ihren Kolleginnen, sondern freuen Sie sich über das, was Sie gut gemacht haben.

9. Strategie: Neue Worte wählen

Hören Sie sich einmal selbst zu und überdenken Sie dabei Ihre eigene Wortwahl. Sprechen Sie öfter von „echten Desastern“, dem „SuperGAU“, „Riesenproblemen“ oder gar „Monster-Eltern“? Dann lassen Sie sich von der Buchautorin Elke Nürnberger sagen: „Katastrophensprecher sind Katastrophendenker.“

Denn mit einer übersteigerten Sprache erzeugen Sie für sich selbst das Gefühl, einer schlimmen Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Stellen Sie fest, dass Sie zu einer übersteigerten Sprache neigen, dann formulieren Sie bewusst anders. Schnell werden Sie feststellen, dass Sie sich mit gelasseneren Worten auch gelassener fühlen. Bitten Sie Menschen in Ihrem Umfeld zusätzlich um Rückmeldungen zu Ihrer Sprache, z. B. eine Kollegin, mit der Sie vertraut sind.

10. Strategie: In der Zeit springen

Stellen Sie sich den Vater, der eben mit seinem Anliegen sehr an Ihren Nerven zerrt, als süßes Baby vor. Dann springen Sie in der Zeit und denken Sie sich den Vater als Greis, sanft lächelnd und all seiner Fehler bewusst. Diese Übung hilft Ihnen, Ihr Gegenüber in einem milderen Licht zu sehen. Sie werden gelassener und können sich wieder neu auf die Anliegen des Vaters einlassen.

11. Strategie: Reframen Sie statt sich zu ärgern

Wenn Sie sich das nächste Mal denken „Mit diesen Eltern komme ich nicht weiter!“ dann ergänzen Sie ein kleines Wort: „Mit diesen Eltern komme ich noch nicht weiter.“

Psychologen nennen diese Strategie „Reframing“. Damit nehmen Sie einen neuen Blickwinkel ein und entdecken mehr Möglichkeiten, statt sich einfach nur zu ärgern. Alles ist wieder offen -vor allem, wenn Sie selbst dran bleiben!

Probieren Sie sich aus

Welche Strategie kam Ihnen beim Durchlesen passend und praktikabel vor? Probieren Sie diese gleich bei der nächsten Gelegenheit aus. Und bleiben Sie auch mit sich selbst gelassen, wenn Sie ein paar Versuche brauchen bis sich die ersten Erfolge spüren lassen. Denn von den Kindern wissen Sie: „Übung macht den Meister!“

Missverständnisse vermeiden -Elterngespräche richtig führen

Nicht selten kommt es bei Gesprächen mit den Eltern eines Kindes zu kleineren oder größeren Missverständnissen. Um diesen von Anfang an vorzubeugen, sollten Sie auf das Konzept des „aktiven Zuhörens“ vertrauen. Damit Sie dabei das Wichtigste beachten, haben wir für Sie diese Checkliste vorbereitet.

https://www.pro-kita.com/downloads/aktives-zuhoeren-im-gespraech-mit-den-eltern/

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