Der verflixte 1. Eindruck – 3 Übungen, wie Sie Vorurteile überwinden


27.07.2015
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Der 1. Eindruck entscheidet. Demnach empfinden Sie Sympathie oder Antipathie für einen Menschen. Über diesen 1. Eindruck denken Sie nicht nach, er geschieht unbewusst und sekundenschnell. Das ist deshalb wichtig, weil Sie in enormen Stress gerieten, wenn Sie über jede Begegnung und Situation nachdenken und sie bewusst beurteilen müssten.

So wichtig also dieser unbewusste 1. Eindruck ist, so fehlerhaft kann er auch sein. Denn wir alle bewerten auf der Grundlage unserer Erfahrungen. Je fremder uns ein Mensch oder eine Situation erscheint, desto weniger können wir auf tatsächliche Erfahrungen zurückgreifen: Die „Fehlerquote“ unseres 1. Eindrucks steigt möglicherweise enorm. Dessen sollten Sie sich beim Kennenlernen neuer Familien immer bewusst sein, um sie nicht ungerecht oder voreingenommen zu beurteilen. Nutzen Sie folgende 3 Übungen, um unbewusste und möglicherweise fehlerhafte Eindrücke überwinden.

 

 

1. Übung: Spielen Sie mit optischen Täuschungen

Kaufen Sie im Buchhandel oder im Schreibwarengeschäft ein Buch oder Karten mit optischen Täuschungen oder Wechselbildern. Nehmen Sie sich im Team gemeinsam Zeit, um diese Bilder zu betrachten, und tauschen Sie sich nach jedem Bild über Ihre Beobachtung aus:

  • Was erkennen Sie in dem Bild?
  • Was erkennen Ihre Kolleginnen?
  • Können Sie der optischen Täuschung auf den Grund gehen?

Mit dieser Übung erkennen Sie, wie unterschiedlich und fehlerhaft die Wahrnehmung sein kann und wie viel Anstrengung es kostet, diese 1. Wahrnehmung zu überwinden: Sehen Sie z. B. im Wechselbild der beiden Frauen zunächst die junge Frau, müssen Sie sich konzentrieren, um auch die alte Frau zu sehen. Können Sie Ihren Kolleginnen über eine Situation berichten, in der Sie bereits diese Erfahrung mit Menschen gemacht haben?

 

2. Übung: Werden Sie sich Ihrer Wahrnehmung bewusst

Nachdem Sie spielerisch entdeckt haben, wie verschieden Ihre Wahrnehmung eines selben Objektes sein kann, gehen Sie in dieser 2. Übung einen Schritt weiter. Denn damit kommen Sie Ihrer eigenen und subjektiven Wahrnehmung auf die Spur.

Sammeln Sie aus Zeitschriften oder Katalogen verschiedene Frauen- und Männertypen. Stellen Sie sich vor, dass Sie diese Menschen als Eltern in Ihrer Einrichtung kennen lernen. Worauf achten Sie Ihrer bisherigen Erfahrung nach zuerst, wenn Sie dieser fremden Frau begegnen? Welche Wahrnehmungen folgen? Ihre Erkenntnisse schreiben Sie nacheinander auf, beispielsweise:

  • Kleidung
  • Frisur
  • Hände
  • Bewegungen
  • Stimme
  • Art der Begrüßung

Diese Übung können Sie für sich allein oder im Team durchführen. Das Wissen über Ihre Wahrnehmung können Sie in der nächsten Begegnung nutzen, indem Sie

  1. sich zugestehen, z. B. zunächst auf die Kleidung zu achten und sie anzuschauen,
  2. dann diesen Eindruck bewusst ausblenden und
  3. sich nach der Begegnung fragen, welche verschiedenen Eindrücke Sie gewonnen haben.

Je häufiger Sie sich bei Begegnungen dieses Ablaufs erinnern, desto unvoreingenommener können Sie auf Eltern und Kinder zugehen.

 

3. Übung: Denken Sie in Gegensätzen

Kulturelle Unterschiede führen häufig zu Missverständnissen. Sicher fallen Ihnen dazu Beispiele aus Ihrer Praxis ein. Sie ärgern sich z. B., dass die Mutter von Tamil häufig zu spät zu Terminen kommt. Möglicherweise ist sie ein „chronischer Zuspätkommer“ oder der Zeitbegriff ist in ihrer Kultur weniger starr als bei uns.

Damit Sie aufgrund der Missverständnisse keine ungerechten und negativen Zuschreibungen den Eltern oder Kindern gegenüber machen, sollen Sie folgendermaßen in Gegensätzen denken:

  • Sie ärgern sich über eine Mutter – in welcher Situation haben Sie sich über diese Mutter gefreut?
  • Sie sind enttäuscht über die Reaktion eines Vaters – in welcher Situation waren Sie von ihm positiv überrascht?

Wenn ein Kind oder Elternteil bei Ihnen eine negative Empfindung hervorruft, versuchen Sie so bald wie möglich, über das Gegenteil dieser Empfindung nachzudenken. Deshalb dürfen Sie sich immer noch über die Mutter von Tamil ärgern, wenn sie wieder einmal Ihren Zeitplan durcheinandergebracht hat. Doch dieser Ärger überlagert nicht die Einschätzung und Wahrnehmung von ihr und Sie können ihr weiterhin offen begegnen.

Diese Übungen lösen keine Konflikte, die Sie möglicherweise mit Eltern oder Kindern z. B. aus anderen Kulturen haben. Doch sie helfen Ihnen dabei zu erkennen, wie wir wahrnehmen und wann wir Eltern oder Kindern aufgrund einer falschen Einschätzung möglicherweise Unrecht tun.

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