Warum gleichaltrige Kinder für den Spracherwerb so wichtig sind


05.03.2018

Die Sprachentwicklung der Kita-Kinder wird nicht nur von Ihnen als Bezugsperson unterstützt und begleitet, sondern auch von den anderen Kindern. Der Kontakt zu (nahezu) gleichaltrigen Kindern spielt dabei eine große Rolle. Wie diese Rolle aussieht und wie Sie die positiven Wirkungen unterstützen, zeige ich Ihnen in diesem Beitrag.

Untersuchungen von Andrew J. Mashburn, Professor für Psychologie an der Universität in Portland, haben ergeben, dass die sprachlichen und kommunikativen Kompetenzen der anderen Kita-Kinder einen signifi kanten Einfl uss auf den Verlauf der Sprachentwicklung haben.

Diese Fähigkeiten erwerben Kinder durch den Kontakt mit Gleichaltrigen

Kinder erweitern durch den Kontakt zu anderen Kindern ihre sprachlichen Möglichkeiten. Konkret lernen sie dabei,

  • über die Sprache Kontakte zu anderen Kindern aufzunehmen und aufrechtzuerhalten,
  • ihre Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken,
  • ihre Ziele und Ideen mit anderen Kindern abzustimmen,
  • sich sprachlich gegenüber anderen Kindern durchzusetzen,
  • einen Kompromiss sprachlich auszuhandeln,
  • sich in die Gedanken und Gefühle anderer Kinder hineinzuversetzen.

Gerade diese sprachlichen Fähigkeiten haben einen enormen Einfluss auf die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes. Die Kinder lernen so, sich sozial-emotional angemessen gegenüber Spielpartnern zu verhalten. Es ist deshalb sinnvoll, dass Sie selbst sich sprachlich zurücknehmen und die Kinder möglichst selbstständig verbal miteinander in Kontakt treten. Das heißt aber nicht, dass Sie die Kinder dabei allein lassen. Beobachten Sie die Kontaktaufnahme und begleiten Sie die Situation, wenn notwendig.

Durch gemeinsame Aktivitäten den Austausch fördern

Wie gut und komplex die Kinder miteinander kommunizieren hängt davon ab, welche gemeinsamen Erfahrungen sie machen. Diese Erfahrungen dienen ihnen als Rahmen für ein Gespräch oder ein gemeinsames Spiel. Wenn die Kinder darüber hinaus noch eine gute Dialogfähigkeit haben, können sie lange miteinander kommunizieren. Dabei ist es egal, ob sie sich unterhalten, gemeinsam spielen oder ein Buch anschauen.

Wichtig: Erst ab einem Alter von vier bis fünf Jahren sind Kinder auch ohne eine gemeinsame Aktivität in der Lage, längere Dialoge zu führen. Vorher steht die gemeinsame Aktivität im Vordergrund, die zum Dialog anregt.

Bieten Sie den Kindern viele Gelegenheiten, gemeinsam aktiv zu werden. Achten Sie bei Ihren Angeboten aber nicht nur auf die Tätigkeit und das Ergebnis, sondern ebenso auf den Dialog der Kinder untereinander. Sie werden feststellen, dass die Kommunikation der Kinder so viel intensiver verläuft.

Praxisbeispiel: Sie basteln mit den Kindern selbstgestaltete Ostergeschenke. Laden Sie die Kinder ein, über ihre Erlebnisse von zu Hause zu erzählen:

  • Welche Ostervorbereitungen haben die Kinder mit ihren Eltern getroffen?
  • Was wünschen sich die Kinder zu Ostern?
  • Wie verbringen die Kinder, die kein christliches Osterfest feiern, die Zeit mit den Eltern?

Unterbrechen Sie diese wertvollen Erzählungen nicht dadurch, dass Sie zur Konzentration auf die Tätigkeit auffordern, sondern erfreuen Sie sich an den Dialogen der Kinder.

So begleiten Sie Konflikte sprachfördernd und verbessern den Spracherwerb der Kinder

Beobachten Sie die Kinder im Kontakt miteinander. Insbesondere dann, wenn Sie bemerken, dass es eine Diskussion gibt. Gehen Sie nicht sofort dazwischen, sondern schauen Sie erst, wie die Kinder das Problem sprachlich lösen. Denn in dem Moment, in dem Sie sich einschalten, nehmen Sie den Kindern wichtige Lernerfahrungen.

Wenn ein Kind um Ihre Hilfe bittet oder wenn Sie bemerken, dass die Kinder selbstständig keinen Lösungsweg finden, dann begleiten Sie den Konflikt. Lösen Sie nicht das Problem für die Kinder, sondern regen Sie die Kinder durch Fragen an, eine eigene Lösung zu finden. Dazu gehört es auch, dass Sie Lösungen akzeptieren, die für Sie ungewöhnlich, für die Kinder aber absolut akzeptabel sind.

Praxisbeispiel: Jonas und Armin, beide vier Jahre alt, spielen miteinander, indem sie im Garten hin und her laufen. Sie wetteifern miteinander, wer schneller ist. Jonas gewinnt immer und irgendwann ist Armin enttäuscht und leicht frustriert. Es sagt: „Jonas du mogelst. Du gewinnst immer.“ Jonas streitet dieses energisch ab: „Nein wir laufen gleichzeitig los.“ Plötzlich entsteht eine hitzige Diskussion zwischen den Kindern, die die Erzieherin Anne anlockt.

Sie setzt sich in einiger Entfernung hin und beobachtet das Wortgefecht. Als die Situation zu eskalieren droht, schaltet sie sich ein. Sie fragt die beiden, was passiert ist. Nachdem die Jungs erzählt haben, fragt Anne: „Wie könntet ihr dafür sorgen, dass ihr beide gleichzeitig loslauft?“ Die Jungen überlegen: „Wir brauchen jemanden, der uns ein Startsignal gibt und aufpasst, dass keiner schneller losläuft. Komm wir fragen Tim, ob er Lust hat mitzuspielen.“ Beide Jungs rennen zielstrebig auf Tim zu. Kurz drauf sieht Anne, wie die Kinder nun zu dritt weiter spielen.

Wichtig: Kinder, die es gewohnt sind, dass Erwachsene ihre Konflikte oder Probleme lösen, sind von Erwachsenen stärker abhängig. Ihre Gesprächsbeiträge in solchen Situationen sind weitaus kürzer. Sie ziehen sich schneller zurück oder akzeptieren Lösungen, die sie nicht zufriedenstellen. Fördern Sie daher unbedingt die verbale Konfliktfähigkeit der Kinder, indem Sie die Kinder Konflikte selbstständig lösen lassen. Betätigen Sie sich maximal als Mittler und nicht als Konfliktlöser.

Wie Kontakte von Kleinkindern zum Spracherwerb beitragen

Auch bei Kleinkindern, die noch über wenige sprachliche Kompetenzen verfügen, ist der Kontakt zu gleichaltrigen Kindern wichtig für einen guten Spracherwerb. Die Kleinkinder erproben ihre nonverbalen Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten. Dadurch lernen sie die Grundlagen der Kommunikation. Mit zunehmendem Wortschatz erfahren sie, welche Wirkung ihre Worte habe und testen das ausgiebig aus.

Praxisbeispiel: Anna und Luisa, zwei Kinder im Alter von anderthalb Jahren, spielen mit einem Luftballon. Sie werfen ihn immer wieder in die Luft und versuchen ihn zu fangen. Irgendwann beginnt Anna, Luisa den Luftballon abzujagen und zu einem Fangspiel anzuregen. Hierzu nimmt sie den Ballon in die Hand, wirft Luisa einen auffordernden Blick zu und rennt weg.

Nach ein paar Metern dreht sie sich zu Luisa. Sie vergewissert sich, ob Luisa die Aufforderung verstanden hat und in das Spiel einsteigt. Als Luisa nicht reagiert, dreht sie um und läuft nochmals mit dem Ballon an ihr vorbei. Nun rennt auch Luisa los und versucht den Ballon wiederzubekommen.

Durch solche Spielhandlungen lernen Kleinkinder, ihre Interessen einzubringen und auch Konflikte zu lösen. Beobachten Sie die Spielsituationen und die nonverbale Sprache der Kinder.

Nehmen Sie das gemeinsame Spiel der Kleinkinder und die Beziehung der Kinder untereinander bewusst als sprachförderliche Aktivität wahr. Unterstützen Sie die Kleinkinder dabei, untereinander Kontakt zu suchen. Wenn Kleinkinder einen Konflikt haben oder sie in einer Spielsituation involviert sind, dann begleiten Sie das.

Sprechen Sie über die Beobachtungen, Gefühle, Wünsche und Handlungen der Kleinkinder. So hören die Kinder die passenden Wörter und lernen mit zunehmendem Sprachvermögen, Situationen auch durch ihre eigene Sprache zu gestalten. So fördern Sie durch Ihre Beobachtungen, eigenen Zurücknahme und eine zielgerichtete Begleitung die Kontakte untereinander.


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