Beißende und kratzende Kinder: Das können Sie tun


17.06.2016
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Thilo ist seit 2 Jahren in der Kita. Zunehmend häufiger kommen Kinder und auch Erzieherinnen auf Sie zu, weil er beißt und kratzt. Dieser scheinbar alltägliche und in einer Kita normale Vorfall kann unbeachtet ein immenses Ausmaß annehmen. Wenn Sie sich keine Gedanken darüber machen, wie Sie mit solchen Kindern professionell umgehen, kann sich ganz schnell ein Elternwiderstand bilden, der sich mit voller Wucht gegen Thilo, seine Eltern und auch gegen Ihre Kita wendet.

Beugen Sie diesem Szenario sachlich und professionell vor, indem Sie die folgende Schritt-für-Schritt-Anleitung in Ihrer Kita implementieren.

Nutzen Sie die Anleitung als Handlungsleitfaden bei beißenden & kratzenden Kita-Kindern

Kratzende und beißende Kinder wie Thilo gibt es immer und überall. Für Sie und Ihr Team ist das eine Gratwanderung: Wann ist der Punkt erreicht, an dem Sie einschreiten müssen? Generell sollten Sie die folgende Anleitung immer dann bewusst nutzen, wenn ein Kind mehrfach wegen dieser Verhaltensweisen auffällt. Auch wenn vermeintlich nichts „Schlimmes“ dahintersteckt, so können Sie und Ihr Team nach Durchführung der einzelnen Schritte mit gutem Gewissen sagen, dass Sie sich die Situation genau angesehen und diese bewertet haben und zu dem Schluss gekommen sind: Es ist alles in Ordnung, und es müssen keine weiterführenden Schritte unternommen werden.

 

 

1. Schritt: Beobachten Sie das Kind

Thilo fällt das 1. Mal in der eigenen Gruppe auf. Er hat im Morgenkreis seinen Nachbarn geschlagen. Am nächsten Tag geschieht es beim Mittagessen. Dann ist wieder eine Woche Ruhe, danach fällt der Junge im Garten wieder auf.

Wenn dies der Fall ist, sollten die begleitenden Erzieherinnen mit kurzen Notizen festhalten, wann und in welcher Intensität Thilo inadäquat gehandelt hat. Eventuell kristallisiert sich auch ein Grund oder ein Auslöser heraus. Das Verhalten sollte über einen Zeitraum von 4 Wochen dokumentiert
werden. Wenn es in dieser Zeit nur einmal zu einem Beißen kam, dann sollte das kein Grund zur Panik sein. Sollte in dieser Zeit allerdings jede Woche etwas aufgefallen sein, dann gehen Sie zu Schritt 2 über.

 

2. Schritt: Holen Sie Einschätzungen aus dem Team

Nachdem Thilo mehrmals aufgefallen ist, ist es sinnvoll, wenn sich das ganze Team mit seinen Beobachtungen einbringt. Sicher nehmen auch andere Teammitglieder sein Verhalten wahr. Diese Beobachtungen werden ebenfalls dokumentiert.

 

3. Schritt: Suchen Sie das Gespräch mit den Eltern

Thilo fällt nicht nur in der Gruppe, sondern in der ganzen Kita über einen längeren Zeitraum durch sein Sozialverhalten auf. Grund genug, die Eltern zu einem Gespräch zu bitten. Sprechen Sie das Verhalten direkt an und fragen Sie gezielt nach, wie sich Thilo zu Hause verhält. Eventuell ist etwas vorgefallen, ein Todesfall, der Wegzug eines nahen Angehörigen oder Ähnliches, was das Verhalten ausgelöst haben könnte.

 

4. Schritt: Nutzen Sie Beratungsstellen

Nach dem Gespräch mit den Eltern ergeben sich 2 Möglichkeiten:

1. Die Eltern sind offen und bereit zur Mitarbeit, um eine Lösung zu finden.

2. Die Eltern blockieren und weisen alles von sich.

Bei Variante 1 werden die Eltern gern bereit sein, gemeinsam mit Ihnen und weiteren Fachleuten eine Lösung zu finden.

Bei Variante 2 wird es schwieriger, Sie müssen aber dennoch eine Lösung finden, da Thilo Hilfe braucht und irgendetwas sein Verhalten ausgelöst hat.

Sie können sich in diesem Fall im Zuge einer anonymen Fallberatung bei Frühförderstellen Hilfe holen, auch wenn die Eltern nicht einverstanden sind. Schließlich wird das Kind nicht bei der Beratung genannt, sondern nur dessen Verhalten geschildert. Bereits das Gespräch mit einer Fachkraft kann viel bewirken und Ihnen Hilfen aufzeigen.

 

5. Schritt: Veranstalten Sie einen runden Tisch

Terminieren Sie ein Gespräch mit den Eltern und den beteiligten Fachkräften, gerne auch mit der Frühförderstelle oder dem Kinderarzt. Es geht dabei nicht um eine Stigmatisierung, sondern darum, so früh wie möglich Hilfen für Thilo zu bekommen. So früh wie möglich heißt dabei nicht, dass jedes Kind sofort beim 1. Beißen einen Psychologen oder einen Kinderarzt benötigt. Wie in Schritt 1 und 2 beschrieben, geht es um ein Verhalten, das nicht in Ordnung ist und das sich  ständig wiederholt.

 

6. Schritt: Vereinbaren Sie Lösungen

Nutzen Sie den runden Tisch, um miteinander Ideen zu entwickeln, wie Thilo geholfen werden kann. Halten Sie die miteinander getroffenen Lösungen schriftlich fest, und vereinbaren Sie direkt einen Termin, um die Lösungen bezüglich ihrer Eignung zu überprüfen.

 

7. Schritt: Überprüfen Sie die Wirksamkeit

Testen Sie die gefundene Lösung in der Praxis aus. Dies kann eine andere Gruppe für Thilo sein, ein anderes Angebot, eine zusätzliche Integrationsfachkraft etc. Beobachten Sie Thilo erneut in der Praxis, und lassen Sie ihm die Zeit, sich zu verändern.

Ein guter Zeitpunkt für ein Reflexionsgespräch ist nach ca. 2 Monaten. Holen Sie dann alle Beteiligten wieder an einen Tisch, um zu prüfen, wie wirksam die Lösungsansätze waren. Gegebenenfalls müssen in einer weiteren Runde neue Ideen überlegt werden. Geben Sie diese Anleitung an Ihr Team weiter. Sie gibt Ihren Mitarbeiterinnen Sicherheit, wenn es um die Frage geht, ob sie rechtzeitig, zu früh oder zu spät handeln. Ihnen wiederum gibt es die Sicherheit, dass es klare Regelungen gibt, wie in so einer Situation vorgegangen werden soll.

 

Tipp: Manchmal empfindet man ein Kind „schlimmer“, als es ist, manchmal reagiert man aber auch zu spät. Zu spät ist es auf alle Fälle, wenn die Eltern anderer Kinder mit massiven Beschwerden bei Ihnen im Büro stehen.

Besprechen Sie mit dem Team die 7 Schritte, die nachfolgend nochmal übersichtlich zusammengefasst sind. Damit stellen Sie sicher, dass alle bei besonderem Verhalten von Kindern professionell handeln. Drucken Sie die Übersicht für jedes Teammitglied aus. So hat jeder schwarz auf weiß vor Augen, wie in Ihrer Kita mit dem Thema umgegangen wird.

Übersicht: 7 Schritte für die Praxis, wenn ein Kita-Kind beißt, kratzt o. Ä.

 

1. Schritt: Beobachten und dokumentieren
2. Schritt: Das Team schätzt mit ein.
3. Schritt: Fragen Sie die Eltern nach den Erfahrungen zu Hause.
4. Schritt: Holen Sie sich bei Beratungsstellen Hilfe und Fachwissen.
5. Schritt: Besprechen Sie sich mit allen Beteiligten.
6. Schritt: Suchen Sie gemeinsam nach Lösungen und halten Sie diese fest.
7. Schritt: Reflektieren Sie die praktizierten Lösungen.

 

 

 

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Die knappe Personalsituation ist schon erdrückend. Dazu kommt auch noch, dass die Ausbildung heutzutage viel zu lange dauert. Und genormt ist sie auch nicht. Jedes Bundesland macht das doch für sich. Da weiß keiner genau Bescheid was läuft. „Kita-Leitung in der Praxis“ hilft uns da schon in vielen Situationen weiter. Gerne nutze ich die pädagogischen Tipps. Auch meine Kolleginnen freuen sich immer über die Ratschläge von Frau Lachnit.

Anja Schmidt, Hennef


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