Achtung: Diese Gefahren lauern, wenn die Kinder windelfrei werden


30.06.2018

Kleinkinder müssen bestimmte Entwicklungsschritte durchlaufen, bevor sie windelfrei werden: Sie müssen ein generelles Interesse an der Toilette sowie den körperlichen Ausscheidungen entwickeln und körperlich in der Lage sein, die Blase und den Darm zu kontrollieren. Solche Reifeprozesse lassen sich nicht trainieren. Was passieren kann, wenn auf die Kleinkinder ein zu starker Druck ausgeübt wird, lesen Sie nachfolgend.

Früher sprach man von der Sauberkeitserziehung. Dieser Begriff ist zwar immer noch sehr verbreitet, damit suggerieren Sie aber, dass die Kleinkinder vorher schmutzig waren. Die Ausscheidungen der Kleinkinder sind kein Schmutz, sondern ein vollkommen normaler Prozess. Daher spricht man heute nicht mehr von der Sauberkeitserziehung, sondern von der Windelfreiheit.

Training zur Windelfreiheit oder kein Training – es macht keinen Unterschied

Oftmals wünschen Eltern sich von Ihnen, dass Sie ein Töpfchentraining anbieten. Damit sind die Eltern immer noch der Meinung, dass Erwachsene aktiv auf das Kleinkind einwirken müssten, um die Windelfreiheit zu erreichen. Dieses ist jedoch nicht der Fall, wie Untersuchungen aus Zürich (Longitudinalstudien) und den USA im Jahr 2003 bewiesen.

Die Untersuchungen ergaben, dass die Kleinkinder mit Töpfchentraining im 2. Lebensjahr zwar nicht mehr in die Windel machten. Das lag aber nur daran, dass sie regelmäßig auf das Töpfchen gesetzt wurden. Ohne diese Handlung hätten die Kleinkinder weiterhin in die Windel gemacht. Damit waren sie also nicht wirklich trocken. Es dauerte bei ihnen durchschnittlich noch etwa ein Jahr, bis sie ganz auf Windeln verzichten konnten.

Weiterhin wurde herausgefunden, dass Kleinkinder, die vor ihrem 27. Lebensmonat an das Töpfchen gewöhnt wurden, genauso lange in die Windeln machten wie Kinder, bei denen keine solchen Aktivitäten stattfanden. Kleinkinder, die erst nach dem 27. Lebensmonat anfingen, das Töpfchen zu benutzen, waren zum gleichen Zeitpunkt trocken wie Kleinkinder, die ein intensives Töpfchentraining genossen hatten.

Sprechen Sie auch immer wieder mit Eltern hierüber, die den Wunsch nach einem Töpfchentraining äußern. Nutzen Sie hierzu die oben beschriebenen wissenschaftlichen Erkenntnisse. So untermauern Sie Ihre Aussagen fachlich.

Lassen Sie den Kleinkindern die Zeit, die sie brauchen. Wenn ein Kleinkind von sich aus Interesse an der Toilette und an den Ausscheidungen zeigt, greifen Sie dies auf.

Beachten Sie, dass auch bei der Darmund Blasenkontrolle die Entwicklungsspannweite äußerst groß ist und es enorme Abweichungen von der Übersicht geben kann. Ärzte sprechen von einer ausgereiften Blasenkontrolle, wenn das Kind ganz bewusst das Harnlassen in Gang setzen kann.

Diese Entwicklungsschritte gelten als normal

Alter des Kleinkindes:Entwicklungsschritte:
Im 1. Lebensjahr Die Kleinkinder entleeren ihre Blase und den Darm noch
willkürlich. Sie scheiden etwa 20-mal am Tag kleinere Harnmengen
aus. In diesem Alter ist es auch normal, wenn die
Kleinkinder mehrfach am Tag Verdauung haben.
Im 2. LebensjahrNun beginnen die Kleinkinder, ihre volle Blase zu spüren. Sie
sind aber noch nicht in der Lage, diese zu kontrollieren.
Kleinkinder äußern manchmal auch, dass sie Pipi gemacht
haben oder die Windel voll ist. Sie können dieses aber noch
nicht vorher sagen, sondern erst, wenn das Geschäft erledigt
ist.
Im 3. LebensjahrDie meisten Kleinkinder können in der Regel als Erstes die
Ausscheidungen des Darms kontrollieren. Auch die Beherrschung
der Blasenfunktion entwickelt sich in diesem Lebensjahr.
Die Kleinkinder können das Wasserlassen kurzfristig
aufschieben – in der Regel zunächst tagsüber, später
auch nachts.

Eine Frustrationsspirale kann entstehen

Viele Erwachsene gehen immer noch davon aus, dass ein Kleinkind, das seine Ausscheidungen ins Töpfchen macht, auch von selbst rechtzeitig merkt, wann es muss. Dies ist aber nicht der Fall. Kleinkinder können zwar schon zielgerichtet Wasser lassen. Sie sind aber noch nicht in der Lage, die Signale der Blase zu deuten und vorausschauend zu handeln, um rechtzeitig die Toilette zu erreichen. Jede nasse Hose, die aufgrund der noch mangelnden Reife entsteht, enttäuscht das Kleinkind.

Denn anfangs wird es für seine Erfolge, „aufs Töpfchen zu machen“, euphorisch gelobt. Diese Euphorie fällt mit jeder nassen Hose weg. Das führt bei den Kleinkindern schnell zu einer Frustrationsspirale. Wenn die Kleinkinder immer und immer wieder Rückschläge erleben, weil sie eben nur gezielt pullern können, aber nicht rechtzeitig merken, wann sie müssen, frustriert sie das zutiefst. Vermeiden Sie solche unnötigen Frustrationen.

Kleinkinder, die gern die Toilette besuchen, aber aufgrund ihrer Reife noch nicht vorausschauend handeln können, sind gut mit einer Höschenwindel bedient. So können sie selbstständig die Toilette nutzen, aber erleben keinen Frust durch eine nasse Hose. Bitten Sie die Eltern, zur Höschenwindel eine Unterhose und Unterhemd sowie eine Hose mit Gummizug anzuziehen. Denn ein Body mit Knöpfen behindert die Selbstständigkeit und Motivation der Kleinkinder.

Windelfreiheit ist keine Erziehungssache

Leider wird immer noch die Windelfreiheit eines Kleinkindes als Maßstab für eine gute Erziehung gesehen. Sehr oft höre ich Aussagen wie:

  • „Die Erzieherinnen der Kita … oder die Eltern bekommen es auch nicht geregelt, die Kleinkinder windelfrei zu bekommen.“
  • „In der Kita … gehen alle Kleinkinder zur Wickelzeit auf das Töpfchen. Die üben das schon ganz früh.“
  • Aber auch Großeltern äußern oftmals Sätze wie: „Früher waren alle Kinder mit 1,5 Jahren trocken.“

Solche und ähnliche Aussagen machen auf Eltern oder Erzieherinnen Druck, den sie schnell an die Kleinkinder weitergeben. Ich erinnere mich hierbei an ein Kleinkind, von dem ich Ihnen in dem Praxisbeispiel erzähle.

Praxisbeispiel

Jonas war 1,5 Jahre alt, als seine Mutter mit dem Töpfchentraining begann. Sie meinte, dass früher auch alle Kinder mit 2 Jahren trocken waren. Zunächst ging Jonas sehr gern auf die Toilette. Dann weigerte er sich plötzlich. Je mehr er sich weigerte, desto größer wurde der Druck der Mutter. Sie versuchte es mit gutem Zureden, sie versuchte, ihn zu überreden, und sie versuchte es auch mit Belohnungen. Auch wenn es sich um positive Versuche handelte, sie setzten Jonas unter Druck, und der Junge reagierte sogar mit Verstopfung.

Denn Jonas hatte keine Lust mehr, die Toilette zu besuchen. Ich führte mit der Mutter ein Elterngespräch und schilderte ihr die aktuellen Erkenntnisse zum Thema „Toilettentraining und Windelfreiheit“. Die Mutter hat daraufhin das Thema Toilettentraining beiseitegeschoben. Nachdem der Druck von Jonas abgefallen war, begann er irgendwann von selbst, sich wieder für die Toilette zu interessieren, und war nach kurzer Zeit wirklich windelfrei.

Allerdings hat dieser Schritt insgesamt sehr, sehr lange gedauert und war mit sehr viel Stress für alle Beteiligten verbunden. Immer wenn Sie Aussagen hören, wie oben beschrieben, informieren Sie die jeweilige Person darüber, dass Windelfreiheit keine Erziehungssache ist, sondern ein Reifeprozess. Kinder, die durch das Töpfchentraining unter Druck gesetzt werden, reagieren oftmals sogar mit einer Verweigerung der Toilette.

Ebenso habe ich es oftmals erlebt, dass sie wieder deutliche Rückschritte machten, und Kinder, bei denen es den Anschein hatte, dass sie windelfrei waren, nicht mehr die Toilette aufsuchten. Erklären Sie, dass Kleinkinder in der Lage sein müssen, ihre eigene Blase und den Darm wahrzunehmen. Sonst können sie die Ausscheidungen nicht kontrollieren. Auch wenn sie das Kleinkind auf ein Töpfchen setzen und es nach kurzer Zeit hineinmacht. Das heißt nicht, dass das Kind windelfrei ist.

Denn ein Kleinkind ist erst wirklich windelfrei, wenn es spürt, dass es muss, und rechtzeitig die Toilette aufsucht. Diesen Prozess können Sie nicht beschleunigen, sondern nur geduldig abwarten.

Diese Reifungsprozesse sind mit anderen Entwicklungsschritten, z. B. der Entwicklung des eigenen Willens und der Handlungskontrolle, vernetzt, sodass Sie die Windelfreiheit nicht isoliert betrachten können.

5 wichtige Punkte für eine gelungene Windelfreiheit

Hierauf müssen Sie achtenSo geht`s
1. Üben Sie keinen Druck
auf das Kind aus.
Achten Sie auf die intrinsische Motivation des Kleinkindes
und greifen Sie das Interesse an dem Toilettengang
auf.
2. Lassen Sie sich nicht von
den Eltern unter Druck
setzen
Eine gute Kita achtet auf die Bedürfnisse und den Entwicklungsstand
der Kleinkinder. Kommunizieren Sie
dieses den Eltern und handeln Sie dementsprechend.
3. Schimpfen Sie nicht,
wenn die Hose nass ist.
Rückschritte gehören zu einer normalen Entwicklung
dazu. Kein Kleinkind erlernt neue Fertigkeiten innerhalb
eines Tages. Nehmen Sie Missgeschicke locker
und machen Sie diese nicht zum Thema.
Bitten Sie auch die Eltern, keine negativen Kommentare
abzugeben, wenn sie wieder einen Berg nasser Wäsche
mit nach Hause bekommen.
4. Akzeptieren Sie das
Tempo des Kleinkindes.
Auch wenn vor 50 Jahren schon im Alter von einem Jahr
mit dem Töpfchentraining begonnen wurde: Heute wissen
wir, dass dieses kein adäquates Erziehungsverhalten
ist und nicht zu dem gewünschten Effekt führt.
Warten Sie geduldig ab, bis das Kleinkind die notwendige
Reife hat, um seinen Harndrang vor dem Wasserlassen
zu bemerken.
5. Unterstützen Sie die
Entwicklung.
Sie können den Entwicklungsschritt des Kleinkindes
zur Windelfreiheit unterstützen, indem Sie seinem Interesse
an der Toilette nachkommen, auch wenn es erst
spielerisch ist und das Kleinkind nur auf der Toilette
sitzt. Bieten Sie den Kleinkindern vor dem Wickeln an,
die Toilette zu besuchen.

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Vorschulkinder: „Sag beim Abschied deutlich ,Servus!‘“

28. September 2017

Das Gefühl, jetzt bald nicht mehr zur Kita zu gehören, liegt so manchem Vorschulkind derzeit auf der Seele. Ambivalente Gefühle kommen bei den Kindern auf: Einerseits freuen sie sich unbändig auf die nahende Schulzeit....

Lesen Sie hier Anregungen und Tipps zur Gestaltung einer abwechslungsreichen Abschiedszeit.

Süßer die Glocken nie klingen: Der „Last-Minute-Adventskalender“ für Ihre Kinder

16. November 2017

Schon wieder steht die Adventszeit vor der Tür und Sie haben noch keine Idee für Ihren diesjährigen Adventskalender? Gestalten Sie dieses Jahr doch einmal einen Kalender der anderen Art: Ein selbst hergestellter Glockenkalender...

Mit diesen 6 Schritten gelingt Ihnen ganz leicht ein Last-Minute-Adventskalender.

Kinder-Freundschaften: So finden Kinder Freunde

9. April 2018

Kinder-Freundschaften: Bullerbü war gestern – „Verinselung“ und „Verhäuslichung“ sind heute. So nennen Erziehungswissenschaftler das Phänomen moderner Kindheit. Sie kennen die Situation: veränderte...

So bestärken Sie die Kinder darin, Freundschaften zu knüpfen und zu pflegen.



© 2017 PRO Verlag, Bonn