Bedürfnisorientierte Erziehung kurz erklärt
Unter Bedürfnisorientierter Erziehung sollte man sich kein klar ausgearbeitetes Konzept mit festen Regeln vorstellen. Vielmehr handelt es sich dabei um eine innere Haltung, bei der die Bedürfnisse von allen am Erziehungsprozess Beteiligten wahrgenommen und wertgeschätzt werden sollen. Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Gleichwertigkeit aller beteiligten Personen. Egal ob Kind oder Erwachsene – alle Bedürfnisse werden als gleichwertig angesehen. Eltern, die ihre Kinder bedürfnisorientiert erziehen wollen, sind sich des Machtgefälles zwischen Kind und erwachsener Person bewusst. Sie sind darum bemüht, hier einen Ausgleich zu schaffen, damit das Kind in seiner Bedürftigkeit nicht übersehen oder eingeschränkt wird.
Anfänge in Amerika
Erste Anfänge der Bedürfnisorientierten Erziehung gehen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika zurück. In den späten 40er Jahren gab es die damals noch sehr unkonventionellen Empfehlungen von KinderärztInnen und PsychologInnen, Babys viel zu tragen, sie lange zu stillen, auf häufigen Körperkontakt zu achten und sie im Elternbett mitschlafen zu lassen. In den 80er Jahren prägte der US-amerikanische Kinderarzt William Sears den Begriff „Attachment Parenting“, wie die Bedürfnisorientierte Erziehung noch heute im englischsprachigen Raum genannt wird. Sears stellte eine Verbindung zur Bindungstheorie her und gab zahlreiche Empfehlungen zum Umgang der Eltern, insbesondere der Mütter, mit ihren Babys und Kleinkindern heraus. Vor allem unter gut ausgebildeten, städtischen Elternpaaren in der westlichen Welt erfreut sich die Bedürfnisorientierte Erziehung großer Beliebtheit. Auch mehrere Hollywood-Stars veröffentlichen Berichte darüber, wie sie ihre Kinder bedürfnisorientiert erziehen. In Deutschland fanden bereits mehrere Kongresse zu diesem Thema statt.
Grundlage ist die Bindungstheorie
William Sears sieht den Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Mutter und Kind als das wichtigste Ziel der Bedürfnisorientierten Erziehung. Auch der Vater spielt bei ihm eine wichtige, allerdings zweitrangige Rolle. Der Zeit unmittelbar nach der Geburt schreibt Sears einen enorm wichtigen Stellenwert zu. Hier geschieht bereits der Aufbau der Bindung, Prägung genannt. Einen gesunden Bindungsaufbau erreicht man nach William Sears vor allem durch diese Vorgehensweisen:
- Die Signale des Kindes deuten, seine Bedürfnisse erkennen und feinfühlig auf sie eingehen. Eine kindgerechte Kommunikation auf Augenhöhe spielt hierbei eine große Rolle.
- Das Kind möglichst lange stillen (Stillen bis ins Grundschulalter kommt bei Anhängerinnen der Bedürfnisorientierten Erziehung durchaus vor).
- Babys und Kleinkinder am Körper tragen. Die Distanz im Kinderwagen wird als zu hoch betrachtet.
- Gemeinsames Schlafen im Familienbett sowie Verzicht auf Schlaftrainings.
- Auf das Schreien eines Babys direkt eingehen und es nicht bewusst in Kauf nehmen.
Bedürfnisorientierung als elterlicher Erziehungsstil
Für Eltern bedeutet die Bedürfnisorientierte Erziehung vor allem, sehr viel Zeit und Geduld investieren zu müssen. Kinder werden hundertprozentig ernstgenommen, was bedeutet, dass die Mütter und Väter feinfühlig auf ihr Kind eingehen und sich mit seinen Äußerungen auseinandersetzen. Die Empathie, die hier ständig zum Einsatz kommt, und die feinfühlige Kommunikation mit einem Kind auf Augenhöhe können kräftezehrend sein, wenn man selbst gerade eine Pause braucht. Besonders das erste Lebensjahr, in dem Eltern oft nur wenig Schlaf bekommen, kann eine Herausforderung darstellen. Und auch das Eingehen auf mehrere, unterschiedlich alte Geschwister ist nicht immer leicht.
Psychische Erkrankungen vermeiden
Ein Kind, das sich wahr- und ernstgenommen fühlt, lernt, sich selbst und seine Bedürfnisse ebenfalls ernst zunehmen. Solche Kinder können später häufiger eigene Grenzen erkennen, über Gefühle sprechen und Probleme äußern, da sie weniger Sorge haben müssen, abgewiesen zu werden. Kinder, die hingegen ständig übergangen werden, erleben im Gegenteil häufiger frustrierende Situationen bis hin zu Ohnmachtserfahrungen. Diese können sich negativ auf die psychische Entwicklung auswirken.
Gleichwertigkeit in der Erziehung
Ein wichtiger Punkt, der häufig übersehen wird, ist die Gleichwertigkeit in der Bedürfnisorientierten Erziehung. Auch wenn die kindlichen Bedürfnisse erkannt und möglichst auch befriedigt werden sollen, bedeutet das nicht, dass die Erwachsenen ständig über ihre eigenen Grenzen hinweggehen sollten. William Sears ist bewusst, dass es sich dabei oft um eine Gratwanderung handelt. Deshalb gibt er sogar Empfehlungen, wie Eltern einen Burnout vermeiden können, etwa durch das Teilen von Aufgaben, das Abgeben von Haushaltstätigkeiten und das Aussortieren von Unwichtigem – leider sind diese Tipps nicht von allen Eltern realisierbar, insbesondere, wenn ein Elternteil alleinerziehend ist oder die Familie unter Geld und/ oder Zeitmangel leidet. Hier kann es schnell zu kritischen Situationen und chronischer Überforderung kommen!
Fallstricke in der Bedürfnisorientierten Erziehung
Die Gleichwertigkeit von Kindern und Erwachsenen zu übersehen ist sicherlich der gravierendste Fehler, den Eltern und ErzieherInnen im Umgang mit Kindern machen können, wenn sie Kinder bedürfnisorientiert erziehen wollen. Ein falschverstandener Umgang mit Bedürfnissen kann dann etwa so aussehen: z Es stehen nur die Bedürfnisse des Kindes/ der Kinder im Mittelpunkt. Eigene elementare Bedürfnisse und Grenzen ihrer Bezugspersonen werden immer wieder übergangen. z Die Erwachsenen haben das Gefühl, jedes Bedürfnis eines Kindes sofort und zu jeder Zeit befriedigen zu müssen. Das ist aber nicht immer möglich und geht eventuell auch zulasten anderer Personen. z Ein Wunsch und ein Bedürfnis sind nicht immer das Gleiche. Besonders sehr junge Kinder äußern manchmal richtiggehend absurde Wünsche, weil sie möglicherweise einfach übermüdet sind und selbst gar nicht mehr verstehen, was sie gerade brauchen. z Umgekehrt wäre es natürlich fatal, Bedürfnisse von Kindern einfach zu übergehen, sie ihnen auszureden oder sie sogar für ihre Äußerungen zu schimpfen. Kinder müssen selbstverständlich ernst genommen werden. Ein anderes großes Thema ist der Umgang mit kindlichem Stress. In der Bedürfnisorientierten Erziehung soll möglichst schnell auf Schreien und Weinen reagiert werden, ganz besonders bei Säuglingen. Stress, der bei den Kindern entsteht, wenn sie lange schreien müssen, kann sich durch die Cortisol-Ausschüttung schädlich auf das Gehirn auswirken. Ins Extreme steigert sich diese Herangehensweise allerdings, wenn Kinder, egal welchen Alters, gar keine „negativen“ Gefühle mehr haben dürfen und die Erwachsenen alles daransetzen, dass sie immer fröhlich sein sollen. Das kann kein Mensch und das ist auch nicht entwicklungsförderlich. Alle Gefühle gehören zum Leben dazu und der Umgang mit ihnen muss gelernt werden.
Bedürfnisorientierung als Ziel sehen
Wenn es zu Konflikten zwischen Eltern, die ihr Kind bedürfnisorientiert erziehen wollen, und ErzieherInnen kommt, stecken häufig falsch verstandene oder übertrieben umgesetzte Elemente dieses Erziehungsstils dahinter. Für sich genommen, ist die Bedürfnisorientierte Erziehung eher eine Haltung, die schon sehr junge Kinder sehr ernstnimmt und sich für eine gesunde Entwicklung einsetzt. Den Eltern und dem pädagogischen Personal wird hierbei allerdings sehr viel abverlangt. Kinder bedürfnisorientiert erziehen zu wollen sollte daher immer eher ein Ziel sein, das man sich täglich neu setzt. Dogmatisch sollte niemand an die Sache herangehen.