7 Regeln für eine bedürfnisorientierte Schlafbegleitung
Unbestreitbar ist ausreichender Schlaf notwendig für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Aber welcher Schlaf? Der Mittags- oder der Abendschlaf? Brauchen alle Kinder die gleiche Menge an Schlaf? Ob und wie eine Kita die Möglichkeit zum Mittagsschlaf gestaltet, ist so verschieden wie unsere gesamte Erziehungslandschaft. Und das ist auch gut so! Denn Schlaf ist eine absolut individuelle Angelegenheit. Daher ist es notwendig, dass Sie die Bedürfnisse aller Kinder Ihrer Gruppe wahrnehmen und sensibel darauf eingehen.
Wozu ist Schlaf wichtig?
„Schlafen macht schlau“, könnte man salopp formulieren. Ausreichender Schlaf begünstigt das Gedächtnis, die Konzentrationsfähigkeit und das Immunsystem. Gerade jüngere Kinder bis zum 6. Lebensjahr sollten ausreichend Gelegenheit erhalten, um zu ruhen bzw. schlafen zu dürfen. Häufig werden sie – entgegen ihrem individuellen Biorhythmus – morgens früh geweckt. Sonst ist es Eltern nicht möglich, ein oder mehrere Kinder in Schule und Kita abzuliefern und pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Der Vormittag in der Kita besteht dann aus vielen lernintensiven Situationen, die verarbeitet werden müssen. Dies geschieht in der Tiefschlafphase, in der das Gehirn Synapsen ausbildet. Damit kann das Kind Erlebnisse und Lerninhalte abspeichern. Der Schlaf hilft also, Faktenwissen später besser erinnern und wiedergeben zu können.
Mittagsschlaf für alle ist trotzdem keine Lösung
Es gibt Übersichten, die das Schlafbedürfnis eines Kindes nach Alter angeben. Diese Zahlen sind jedoch wirklich nur ungefähre Angaben. Tatsächlich ist der kindliche Schlaf eine sehr individuelle Sache. Das Schlafbedürfnis eines Kindes, ob es ein Tag- oder Nachschläfer ist oder eher eine kleine Lerche statt einer Nachteule ist, wird genetisch und damit unumkehrbar programmiert. Die angegebenen Zahlen können daher um mehr als 2 Stunden plus oder minus variieren. Für Ihre praktische Arbeit bedeutet das, dass nicht alle Kinder vom Mittagsschlaf profitieren. Im Gegenteil, die erzwungene Pause hat sogar Nachteile:
Mit einer genauen Beobachtung ermitteln Sie das Schlafbedürfnis
Beobachten Sie die Kinder und achten Sie auf die körperlichen Signale. Dies gilt besonders für jüngere Kinder. Auch ein U3-Kind mit seinen 16 Monaten braucht nicht zwingend den Mittagsschlaf!
Umgekehrt sollten Sie bei der bedürfnisorientierten Beobachtung nicht davon ausgehen, dass ein Kind mit 5 Jahren keinen Mittagsschlaf mehr braucht. Dies ist zwar häufig der Fall, weil die meisten Kitas dies auch gar nicht mehr vorsehen, trotzdem kann auch ein älteres Kind mittags noch ein starkes Ruhebedürfnis haben. Sie sollten daher eine Isomatte, eine Matratze oder Ähnliches vorhalten, was auch schnell verstaut werden kann. So können Sie dem Verlangen nach Mittagsschlaf nachkommen.
7 Regeln für eine bedürfnisorientierte Schlafbegleitung
1. Kinder sollen schlafen dürfen, wenn ihnen danach ist
Müden Kindern muss die Gelegenheit zum Schlafen gegeben werden, und zwar gemäß ihrem Biorhythmus. Wenn dazu nicht extra ein Kollege/eine Kollegin zur Schlafwache abgestellt werden kann, besteht die Möglichkeit, mit einer Kamera zu arbeiten (dies geht nur mit schriftlicher Einwilligung der Eltern und der MitarbeiterInnen). Darüber hinaus muss sich immer eine Fachkraft in unmittelbarer Nähe des Schlafraums befinden, damit diese „greifbar“ ist, wenn es notwendig ist. Außerdem entbindet die Videokamera nicht davon, regelmäßig persönlich nach den Kindern zu sehen.
2. Kein Kind darf zum Ausruhen gezwungen werden
Kinder, die nicht müde sind, müssen weder schlafen noch ruhen. Sie erhalten in der Schlafenszeit der anderen Kinder Gelegenheit zu Beschäftigungen, die nicht zu laut sind. Möglich ist auch ein Gruppenwechsel.
3. Kinder können nur dann schlafen, wenn sie sich sicher fühlen
Erholsamer Schlaf ist nur in einer Atmosphäre möglich, die dem Kind Sicherheit und Geborgenheit bietet. Es sollte daher ein Schlafraum mit individualisierten Schlafplätzen zur Verfügung stehen. Diesen haben die Eltern zusammen mit dem Kind gestaltet, z. B. durch ein Familienfoto, die besondere Bettwäsche oder den Schlafsack usw.
4. Schenken Sie den Mikrotransitionen besondere Beachtung
Der Übergang von Aktivität hin zum Schlafen ist eine sogenannte Mikrotransition, die besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Das Erregungsniveau des Kindes wird sonst unnötig gesteigert. Häufig finden in dieser Zwischenphase pflegerische Handlungen statt. Begleiten Sie diese mit ruhiger Stimmführung, einem freundlichen Blick und erledigen Sie alle Handgriffe betont ruhig. Während dieser Phase sollte nach Möglichkeit immer eine weitere Fachkraft zugegen sein. Wenn mehrere „Schlafkinder“ auf das Umziehen oder eine frische Windel warten müssen, entsteht eine dieser „leeren“ Wartezeiten, bei denen schnell Unwohlsein aufkommt. Die Kinder versuchen, dieses Gefühl durch Bewegung auszugleichen. Die Folge davon ist: noch mehr Unruhe. Die 2. Fachkraft sollte daher mit einen Bilderbuch, einem Fingerspiel oder – wenn die Kinder sprachlich dazu imstande sind – mit einem netten Gespräch die Wartezeit überbrücken.
5. Richten Sie Schlafschichten ein
Da die Mikrotransitionen im Kita-Alltag häufig vorkommen und die Stimmung der Kinder dort besonders schnell kippen kann, benötigen Sie und Ihre KollegInnen eine besonders gute Organisation und Absprache. Achten Sie also darauf,
• welche Kinder eigentlich schon für das Mittagessen zu müde sind.
• welche Kinder immer früh das Essen beenden.
• welche Kinder langsame Esser sind usw.
Für diese Kinder benötigen Sie einen strukturierten Übergang. Einige Kinder können sich schon die Zähne putzen und umziehen, andere helfen vielleicht bei der Vorbereitung des Schlafraumes, andere ziehen sich in die Kuschelecke oder auf die Entspannungscouch zurück und schauen ein Buch an usw. Es ist daher eine Koordination mit allen Beteiligten im Haus notwendig, um die bestmögliche Vorgehensweise auszuüben. Denkbar sind auch verschiedene Essens- und Schlafschichten im Abstand von ca. 30 Minuten. Sie sollten auch klar kommunizieren, dass es in dieser Phase um eine optimale Schlafbegleitung geht und Dinge wie abgeräumtes Geschirr o. Ä. zweitrangig sind.
6. Einschlafrituale sind wichtig
Berücksichtigen Sie die Einschlafrituale der Kinder. Kinder, die ungern bei völliger Dunkelheit einschlafen, können näher am nicht komplett verhangenen Fenster schlafen. Für die anderen Kinder gibt es vielleicht eine zusätzliche sogenannte spanische Wand, die das Licht abschirmt. Ob Einschlafgeschichte, ein Lied oder das Handhalten – wichtig ist, dass es sich um die individuellen Einschlafstrategien der Kinder handelt. Anders ausgedrückt: Geben Sie den Kindern die Möglichkeit, diese zu entwickeln. In vielen Einrichtungen wird von außen ein für alle gleiches Einschlafritual bestimmt, wie z. B. CD laufen lassen oder ein Nachtlicht einschalten. Im ungünstigen Fall schläft das Kind dann ohne dieses Ritual nirgendwo mehr ein. Es reagiert nämlich auf diese von außen geleitete Schlafhilfe und nicht auf die eigene biologische Uhr.
7. Das brauchen Kinder mit besonderen Bedürfnissen
Kinder mit besonderen Bedürfnissen, insbesondere mit organischen Erkrankungen wie z. B. einer Herzinsuffizienz oder Darmerkrankung, haben im Tagesverlauf häufiger ein Schlafbedürfnis. Achten Sie darauf, dass diese Kinder einen Raum haben, um dem nachgehen zu können. Kinder mit Beeinträchtigungen des Haltungs- und Bewegungsapparates haben ebenfalls einen höheren Erholungsbedarf, den Sie berücksichtigen sollten. Nicht jede Einrichtung hat dafür immer ausreichende räumliche und/oder personelle Kapazitäten. Es gibt von verschiedenen Kita-Ausstattern Pop-up-Zelte, die extra dafür konzipiert wurden, dass Kinder sich darin ausruhen können.
Fazit
Eine bedürfnisorientierte Schlafbegleitung bedeutet nicht, dass alle Kinder zur gleichen Zeit schlafen oder ruhen müssen. Vielmehr geht es darum, die individuellen Schlaf- und Ruhebedürfnisse jedes Kindes aufmerksam wahrzunehmen und den Kita-Alltag entsprechend sensibel zu gestalten. Für Erzieherinnen und Kitaleitungen heißt das: Beobachtung, klare Absprachen im Team und verlässliche Rituale sind entscheidend, damit Kinder sich sicher fühlen und wirklich zur Ruhe kommen können.