kinder, etwa 2 jahre in freiarbeit mit verschiedenen formen am tisch, Symbol für bildungsarbeit trotz personalmangel

Gute Bildungsarbeit trotz Personalnot

© KI generiert mit Midjourney
Inhaltsverzeichnis

Sowohl Fachkräfte als auch Eltern beklagen seit Längerem, dass die angespannte Situation wegen Personalmangel mit Gruppenzusammenlegungen oder sogar Gruppenschließungen nur noch eine „Aufbewahrung“ der Kinder zulässt. Ständig wird ein Angebot abgesagt, ein Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben – die Bildungsarbeit bleibt auf der Strecke. Wenn Ihnen diese Klagen vertraut sind, sollten Sie darüber nachdenken, ob eine konzeptionelle Veränderung in Ihrer Einrichtung Abhilfe schaffen könnte. Eine Möglichkeit ist die gruppenübergreifende, teiloffene Arbeit, die wir Ihnen hier vorstellen.

Was bedeutet „teiloffen“ konkret?

Die Kinder haben nach wie vor ihren Platz in der Stammgruppe. Dort kommen sie morgens als Erstes an und frühstücken. Das Mittagessen, Geburtstagsfeiern und das nachmittägliche Programm finden in den Stammgruppen statt. Die Eltern behalten somit eine feste Orientierung, wo sie ihr Kind am Morgen abgeben und nachmittags wieder abholen können. Zugleich sind auch die vertrauten BezugserzieherInnen für den Austausch wichtiger Informationen erreichbar. Ab 9:30 – 11:45 Uhr finden dann in den verschiedenen Gruppenräumen unterschiedliche Bildungsangebote statt. Neben der Wahrnehmung von Bildungsaufgaben liegt der Vorteil dieses Konzepts darin, dass Angebote nicht zwingend von 2 Fachkräften durchgeführt werden müssen. Sie können also Ihre personellen Ressourcen besser aufteilen.

Warum Sie von gruppenübergreifendem Arbeiten profitieren

Wenn Kinder sich daran gewöhnen, in anderen Gruppen und Räumlichkeiten heimisch zu werden, gewinnen sie an Selbstständigkeit. Zudem haben sie mit anderen Fachkräften und anderen Kindern immer wieder die Chance, neu wahrgenommen zu werden und nicht auf – vermeintlich – bekannte Eigenschaften reduziert zu werden. Für die Fachkräfte ergibt sich als großer Vorteil, dass sie, weil Sie in den Gruppen ein bestimmtes Bildungsangebot bereitstellen, fachlich konzentriert arbeiten und dabei ihre eigenen besonderen Fähigkeiten ausüben können. Auch das Gesamtteam profitiert von dem Aufbrechen eingefahrener Denk- und Verhaltensmuster. MitarbeiterInnen fühlen sich für alle Bereiche verantwortlich und die Materialbeschaffung wird durch einen gemeinsamen Spielefundus effizienter gehandhabt.

So ermuntern Sie die Kinder zur selbsttätigen Bildung

Der Morgenkreis findet täglich um 9:00 Uhr statt. Dort informieren Sie die Kinder, welche Bildungsräume an diesem Tag geöffnet sind und wie viele Kinder aus der Gruppe jeweils teilnehmen können. Dabei geben Sie einen kurzen, kindgerechten Überblick, wie das Tages- oder Wochenthema des jeweiligen Angebots lautet. Auf einem größeren Stück Fotokarton, das sich an einer gut sichtbaren Stelle im Gruppenraum befindet, gibt es pro Bildungsangebot ein entsprechendes Bild. So ist der Bereich „Musisch- Kreativ“ durch Stifte und Noten gekennzeichnet, oder das Thema „Literacy“ ist erkennbar an einem Buch und einem Mund usw. Neben diesen Bildern befinden sich freie Stellen, je nachdem, wie viele Plätze frei sind. An diesen Leerstellen klebt ein Stück Klettband. In einem Korb befinden sich die laminierten Symbolkärtchen oder Fotos der Kinder, die auf der Rückseite ebenfalls ein Stück Klettband tragen. Die Kinder suchen sich nun aus, welchen Raum sie aufsuchen möchten, und hängen ihr Kärtchen/Bild an die entsprechende Stelle.

Ihnen kommt an dieser Stelle eine wichtige moderierende Rolle zu. Zum einen müssen Ihre Beschreibungen des Angebots kindgerecht sein, und zum anderen müssen Sie im Blick haben, dass auch jüngere Kinder verstehen, worum es geht. Diese brauchen für den Entscheidungsfindungsprozess vermutlich etwas länger. Sie sollten trotzdem nicht von schnellen, entschlossenen oder ungeduldigeren Kindern gedrängt werden. In der Übersicht auf der folgenden Seite finden Sie Fragen und Antworten, mit denen Sie sich im Rahmen der Umstellung voraussichtlich konfrontiert sehen werden.

Die Kinder gewinnen an Selbstständigkeit und Handlungskompetenz

Zuhören, Abwägen, Entscheiden und Kompromisse-Erzielen stärkt die Selbstwirksamkeit der Kinder enorm. Dann „erobern“ sie andere Gruppen- und Funktionsräume, werden dort vertraut, gehen neue Freundschaften und Beziehungen zu anderen Fachkräften ein. Dieses Selbstbewusstsein ermutigt die Kinder aber auch, sich kritisch mit Angeboten und Bildungsinhalten auseinanderzusetzen. Fragen Sie daher regelmäßig, was sich die Kinder an Verbesserungen wünschen.

Wer entscheidet, welche Bildungsräume angeboten werden?

Das Angebot Ihrer Bildungsräume richtet sich in der Regel nach den folgenden Voraussetzungen:

  • der Altersstruktur und Zusammensetzung der Kinder
  • den Bildungsgrundsätzen Ihres Bundeslandes
  • den Bedürfnissen der Kinder
  • den Interessen und dem Potenzial der Fachkräfte
  • den zur Verfügung stehenden Räumen

So könnte z. B. der Angebotskatalog einer Kita aussehen:

Muster: Angebotskatalog 3-gruppige Kita
Stammgruppe täglich bis 9:20 Uhr
BewegungsbaustelleTücher, Varussel, Weichbodenmatten, Turnhalle, 15 Kinder
Musisch/ KreativWelche Farben hat der Winter? Blaue Gruppe, 15 Kinder
Literacy„Der Handschuh“, Stabpuppentheater , Mehrzweckraum, 10 Kinder
Jahreszeiten und BrauchtumVorbereitung auf die große Karnevalsfeier, Rote Gruppe, 15 Kinder
U3-KinderRote Gruppe, 7 Kinder

In Ihrer teiloffenen Planung empfiehlt es sich, die U3-Kinder zunächst in einer Nestgruppe zu belassen. Dort lernen sie die verschiedenen Bildungsthemen durch altersgemäße Angebote kennen. Wenn sie bereit sind für neue Kinder und Fachkräfte, können sie die Bildungsräume aufsuchen. Kinder mit besonderen Bedürfnissen sind – soweit es möglich ist – in alle Entscheidungsprozesse involviert. Bei autistischen Kindern ist es zunächst angeraten, sie nicht aus ihrem vertrauten Umfeld herauszuholen. Wenn erkennbar ist, dass sie sich auf einen weiteren Raum und neue Inhalte einlassen wollen, sollte erst die engste Bezugsperson mit dem Kind allein die neuen Dinge ausprobieren.

Daran müssen Sie sich erst gewöhnen

Um die jeweiligen Bildungsräume mit Leben zu füllen, müssen Sie wesentlich konkreter planen, als dies bei der festen Gruppenform nötig ist. Überdenken Sie Ihre Raumaufteilung, damit nötiges Material schnell zur Hand ist, ab dem Mittag aber auch wieder der Aufenthalt in der Stammgruppe möglich ist. Sie sollten einen schriftlichen Planungsverlauf erstellen, damit im Krankheitsfall KollegInnen den Bildungsraum weiterführen können. Wenn Sie immer in festen Gruppenformen gearbeitet haben, ist die Umstellung für Sie in der Regel sehr gewöhnungsbedürftig. Nehmen Sie sich 2–3 Monate zur Gewöhnung und Reflexion des Prozesses.  

Übersicht: Fragen & Antworten zur gruppenübergreifenden Arbeit
FrageAntwort
Was passiert, wenn sich mehr Kinder für ein Angebot melden, als Plätze frei sind?Dann wird das Los entscheiden. Auch dieser Prozess des Kompromisse-Eingehens ist ein wichtiges Lernfeld.
Was ist, wenn sich bei einem Angebot gar kein Kind meldet?Rein rechnerisch stehen dann 4–5 Kinder ohne Angebot da. Versuchen Sie herauszufinden, worauf die Ablehnung beruht. Vielleicht haben Sie nicht klargemacht, worum es bei diesem Angebot geht, oder die Fachkraft hat am Interesse der Kinder vorbeigeplant. Dann können Sie die Kinder bitten, mit der entsprechenden Fachkraft Veränderungen einzubringen.
Was soll ich machen, wenn ein Kind sich immer nur für das gleiche Angebot meldet, z. B. den Bewegungsraum?Im Zweifelsfall ist das Kind schon generell aufgefallen, weil es sich z. B. ausschließlich grobmotorisch beschäftigen möchte. Im Sinne einer ausgewogenen Bildung sollte es sich auch mit anderen Inhalten auseinandersetzen, vor allem, wenn es sich schon um ein älteres Kind handelt.
Was tue ich, wenn Kinder jeden Tag ein anderes Angebot besuchen wollen?Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen. Es hängt natürlich auch davon ab, ob die Fachkraft ihr Angebot in aufeinander aufbauende Einheiten oder lose zusammenhängenden Impulsen konzipiert hat.
Was mache ich, wenn sich Kinder zu nichts entscheiden wollen?Dann sollten Sie den Kindern die Entscheidung überlassen, ob sie der/dem BezugserzieherIn folgen oder im vertrauten Gruppenraum bleiben wollen.