„Nein, nein, nein!“ – Wie Trotz Kinder zur Selbstständigkeit führt


12.11.2014
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In einer Gruppe mit Kleinstkindern kann man solche Szenen täglich erleben:
Leon schreit verzweifelt, weil er den Bagger haben möchte, mit dem Emmi gerade spielt. Lina schmeißt sich auf den Boden und tritt mit den Füßen, nachdem sie von der Erzieherin aufgefordert wurde, ihr Spiel aufzuräumen. Mit trotzigem Verhalten zeigen uns Kinder ihren Widerstand. Sie wollen etwas nicht oder haben sich geärgert und verweigern sich deshalb wütend.

Diese unkontrollierten Wutausbrüche sind schwer aufzuhalten. Dennoch sind sie wichtig und notwendig für die Entwicklung der Kinder. Denn Kleinstkinder müssen erst lernen,

  • sich in eine soziale Gruppe einzufügen,
  • ihre Wut angemessen auszudrücken,
  • für ihre Gefühle Worte zu finden.

Damit diese Entwicklung gut verlaufen kann, müssen Kinder ihre eigenen Bedürfnisse kennen lernen, die eigenen Fähigkeiten einschätzen lernen und sich von den Bezugspersonen nach und nach ablösen. Das gelingt am Anfang noch nicht immer in angemessener Form.

Wunsch des Kindes nach Eigenständigkeit und Selbstbestimmung
Ab dem 2. Lebensjahr beginnen Kinder, sich selbst als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen. Jetzt beginnt die so genannte Trotz- oder Autonomie-Phase. Das Kind hat im ersten Lebensjahr viele Lernschritte und Entwicklungen gemacht. Es ist neugierig und möchte seine Umgebung genau erforschen. Nun kann es sich vor der eigenen Handlung ein Ziel setzen, das es erreichen möchte. Mit großem Einsatz verfolgt es dieses. Werden die Kinder dabei durch irgendetwas gestoppt oder behindert, bricht für sie sozusagen „eine Welt zusammen“. Sie wissen nicht, wie sie nun stattdessen handeln können. Aber ihr eigener Wunsch und ihr Bedürfnis werden in der Phase des Autonomiestrebens besonders deutlich wahrgenommen. Das Kind möchte sich behaupten. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Wollen und Können. Diese Ohnmacht und Wut drückt das Kind häufig durch emotionale Ausbrüche, Schreien, Treten usw. aus.

Wut der Kleinstkinder achtsam begegnen
Damit das Kind nach und nach gelassener mit Misserfolgen und „Außerplanmäßigem“ umzugehen lernt, ist es wichtig, dass Sie in Ihrer Kita oder Krippe einfühlsam und wertschätzend mit dem Signal „Trotz“ umgehen. Das ist nicht immer einfach, da Erwachsene sich bei solch intensiven Gefühlsausbrüchen schnell hilflos, provoziert oder überfordert fühlen können. Nutzen Sie folgende Tipps, um positiv mit Wut- oder Trotzanfällen umzugehen:

1. Tipp: Bleiben Sie ruhig
Nehmen Sie den Ausbruch des Kindes nicht persönlich. Machen Sie sich bewusst, dass das Kind gerade jetzt einen wichtigen Entwicklungsschritt macht, bei dem es Sie als gelassene Begleiterin benötigt. Reagieren Sie auf keinen Fall ebenso wütend. Denken Sie daran: Das Kind kann im Augenblick seine Emotionen nicht steuern und zeigt ihnen mit seiner Wut, dass ihm etwas nicht gelungen ist oder es sich über sich oder andere ärgert. Es kann auch passieren, dass das Kind im Augenblick unkontrollierter Wut gar nicht ansprechbar ist. Dann ist es besonders wichtig, dass Sie ruhig und gelassen abwarten.

2. Tipp: Bieten Sie Nähe an
Zeigen Sie dem Kind, dass Sie trotz seines Ausbruchs da sind. Sie können versuchen, das Kind während seines Wutanfalls in den Arm zu nehmen. Allerdings können viele Kinder diese Nähe während einer Trotzattacke schlecht ertragen und werden sogar noch wütender. Dann ist es sinnvoll, einfach in der Nähe zu bleiben und immer wieder nach dem Kind zu sehen. Sagen Sie dem Kind: „Du kannst zu mir kommen, wenn du das möchtest.“ So vermitteln Sie ihm gerade in der Phase größter Erregung Geborgenheit und Sicherheit.

3. Tipp: Sorgen Sie für einen sicheren Platz
Während eines Trotzanfalls sind die Bewegungen des Kindes oft unkontrolliert und impulsiv. Räumen Sie darum Gefahrenquellen, wie spitze Gegenstände oder Dinge, an denen sich das Kind verletzen könnte, aus dem Weg. Sie können auch Kissen oder Polster neben das Kind legen. So beugen Sie Selbstverletzungen im Affekt vor.

Wichtiger Hinweis:

Es kann vorkommen, dass das Kind mit seinem Wutanfall bei Ihnen etwas Bestimmtes erreichen wollte, z. B. etwas Süßes von Ihnen als Nachtisch zu bekommen. Dann sollten Sie darauf achten, konsequent zu bleiben. Haben Sie vor dem Ausbruch etwas abgelehnt, bleiben Sie auch nachher bei Ihrem „Nein“. Sie können das Kind allerdings dabei unterstützen, mit Ihrer Entscheidung besser zurechtzukommen. Bleiben
Sie freundlich, und zeigen Sie Verständnis für die Enttäuschung des Kindes. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Kind, was es z. B. statt der Süßigkeiten haben könnte.

 

 

 4. Tipp: Zeigen Sie Verständnis
Ist die Wut etwas abgeklungen, sollten Sie sich dem Kind schnellstmöglich liebevoll zuwenden. Streicheln Sie dem Kind über den Kopf. Lassen Sie das Kind auf Ihrem Schoß sitzen. Zeigen Sie dem Kind, dass Sie es schätzen und gern haben, auch wenn es wütend ist oder war. Wichtig ist, dass Sie Verständnis für das Kind aufbringen. Sie können z. B. sagen: „Jetzt warst du aber sehr wütend. Du hast dich richtig geärgert.“ So helfen Sie dem Kind, Worte für seine Gefühle zu finden.

5. Tipp: Suchen Sie mit dem Kind nach Alternativen
Das Kind weiß, auch ohne Ihren Hinweis, dass der Wutausbruch kein angemessenes Verhalten war. Bieten Sie dem Kind an, ein anderes „Ventil“ zu benutzen, wenn es sehr wütend ist. Spielerische Anregungen dazu finden Sie auf den Seiten 4 und 5 dieser Ausgabe. Sie können sich auch gemeinsam auf die Suche nach ersten Anzeichen von Wut machen, z. B.: „Grummelt es in deinem Bauch, wenn die Wut kommt?“ So lernt das Kind, erste Signale zu deuten und nach und nach einen angemessenen Weg zu finden, seinen Ärger auszudrücken.

Nach dem Trotz ist vor dem Trotz
Wenn sich die Wellen wieder geglättet haben, kann das Kind sich meist schnell wieder einer Tätigkeit zuwenden. Sicherlich haben Sie im Alltag schon festgestellt:
Die Wut geht häufig so schnell wieder, wie sie gekommen ist. Damit es gar nicht erst oder weniger häufig zu Trotz- und Wutanfällen kommt, können Sie aktiv vorbeugen. Lesen Sie im Folgenden, mit welchen Möglichkeiten und Methoden Sie dem Kind zu mehr Gelassenheit verhelfen.

 

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