Selbstbildung bei Kindern: Unterstützen Sie Lernprozesse der Jüngsten


17.09.2018

Die 2-jährige Emma spielt mit Steckbausteinen in der Bauecke. Vor sich auf dem Boden liegt eine Bauplatte, die sie mit Steinen besetzt. Beobachtet man Emma ganz genau, erkennt man ihre Konzentration. Sie liegt auf dem Bauch,die Platte mit den Steinen genau vor Augen. Emma versetzt die Steine auf der Platte mehr gibt und jeder Stein mit dem Rand der Platte abschließt. Sie sagt: „Fertig.“ und strahlt.

Nach dem Mittagsschlaf geht Emma zielstrebig zurück zu den Bausteinen. Sie nimmt die Steine von der Platte und beginnt ihr Spiel von neuem.

Was steckt hinter dieser Beobachtung?

Sicherlich beobachten Sie tagtäglich solche oder ähnliche Bildungsprozesse bei den Kleinstkindern in Ihrer Kita oder Krippe. Bildung ist im Kleinstkindalter Selbstbildung. Im vorangegangenen Beispiel geht Emma ihren Interessen nach. Ausgehend von ihren Selbstbildungspotenzialen wirken Interesse und Ausdauer zusammen.

Diese Selbstbildungskräfte sowie bildungsaktive Verhaltensweisen des Kindes unterstützen Sie als pädagogische Fachkraft und Bindungsperson

  • durch intensive Bindungsarbeit.
  • indem Sie das Kind dazu ermutigen, seine Gefühle auszudrücken.
  • indem Sie das Kind respektieren und wertschätzen.
  • indem Sie ihm helfen, seine Stärken zu erweitern und seine Schwächen zu verringern.
  • dadurch, dass Sie dem Kind eine anregungsreiche Umgebung anbieten.
  • indem Sie Raum und Material zur Verfügung stellen, das den Interessen des Kindes entspricht.
  • dadurch, dass Sie verlässliche Strukturen zur Orientierung des Kindes in den Tagesablauf integrieren.
  • indem Sie für eine angenehme Atmosphäre der Gesamtgruppe sorgen.
  • dadurch, dass Sie das Kind an Entscheidungen teilhaben lassen.
  • indem Sie dem Kind die nötige Zeit geben, um sich intensiv einer Tätigkeit widmen zu können.
  • indem Sie kindliche Verhaltensweisen und Äußerungen ernst nehmen.
  • dadurch, dass Sie das Kind bei Herausforderungen stärken.
  • indem Sie erreichbare Ziele für das Kind setzen.
  • durch die sogenannte wahrnehmende Beobachtungen des Kindes.
  • durch eine Dokumentation der Beobachtungen, beispielsweise in Form von Lerngeschichten.
  • durch eine Auswertung der Dokumentation in Auseinandersetzung mit den Bildungsplänen und den Fähigkeiten des Kindes.

Dokumentieren Sie Bildungsbeobachtungen

Damit Ihre Eindrücke und Beobachtungen nicht verloren gehen, ist es wichtig, alles aufzuschreiben. Eine besonders gut geeignete Form der Dokumentation sind die sogenannten Lerngeschichten. Im Folgenden finden Sie eine Muster-Lerngeschichte, an der Sie sich orientieren können. Diese können Sie dann auch gemeinsam mit dem Kind, insofern sein Entwicklungsstand dies bereits ermöglicht, besprechen. Dies bedeutet ein hohes Maß an Wertschätzung für das Kind und ermöglicht gleichzeitig eine Reflexion seiner eigenen Tätigkeiten.

Muster: Eine Lerngeschichte am Beispiel von Emma

Liebe Emma,

in den letzten Tagen habe ich Dir beim Spielen zugeschaut. Manchmal habe ich das, was ich gesehen habe, auch aufgeschrieben. So können wir uns auch noch später daran erinnern, wie Du gespielt hast. Es hat mir großen Spaß gemacht, Dich zu beobachten, und ich habe gesehen, dass Du Dich in der Kita sehr wohl fühlst. Allein findest Du Dinge, die Dich interessieren, und spielst mit ihnen.

Neulich habe ich gesehen, wie Du Steckbausteine auf die Bauplatte gesetzt hast. Diese Bauplatte hast Du zunächst mit Deinen Fingern erfühlt. Immer wieder hast Du darüber gestrichen. Dann hast Du die verschiedenfarbigen Steine entdeckt. Du hast ausprobiert, wie Du die Steine auf der Platte platzieren kannst. Du hast gelernt, dass Du die Steine auf der Platte fest drücken musst, damit sie nicht wieder hinunterfallen können. Dann hast Du versucht, die Platte so mit Steinen zu besetzen, dass keine Lücke mehr frei bleibt und gleichzeitig keiner der Steine über den Rand hinausragt. Du hast es immer wieder versucht, bis es Dir schließlich gelungen ist. Dann hast Du laut aufgelacht und gesagt: „Fertig!“ Ich glaube, Du warst stolz auf Dein Werk. Gemeinsam haben wir Dein Werk nach oben auf das Regal gestellt, damit es nicht von einem anderen Kind umgebaut wird.

Nach dem Mittagsschlaf bist Du zu mir gekommen und hast mit dem Finger auf Deine Bauplatte gezeigt. Damit hast Du mir zu verstehen gegeben, dass Du daran weiterarbeiten möchtest. Du hast dann zunächst wieder alle Steine von der Platte runtergenommen und sie von neuem besetzt. Irgendwann konntest Du das ganz schnell. Ich habe Dir dabei weiter zugeschaut, und dann ist mir aufgefallen, dass Du nur die blauen Steine ausgewählt hast, um die Platte zu besetzen. In den folgenden Tagen hast Du immer wieder die Platten mit Steinen in einer bestimmten Farbe bebaut.

Deine Erzieherin Gabi

Hilfreich sind zusätzliche Fotos der beobachteten Situation, welche die Lerngeschichte ergänzen. Mit dem Kind und auch mit den Eltern des Kindes kann das Verhalten des Kindes anhand der Fotos leichter nachvollzogen und reflektiert werden.

Auswertung der Lerngeschichte

Die Auswertung der Beobachtung von Selbstbildungsprozessen dient dazu, die individuellen Interessen des Kindes zu erkennen und entsprechend seiner Lernweise zu fördern. Es ist sinnvoll, mehrere beobachtete Szenen in eine Lerngeschichte zu integrieren, um die sich wiederholenden Verhaltensweisen des Kindes erkennen zu können.

Emma sammelt bei ihrem Spiel Erfahrungen aus unterschiedlichen Bildungsbereichen. Sie lernt beispielsweise etwas aus ihrer Bauweise. Sie nimmt vielleicht wahr, dass sie Dinge geordnet hat. Später wenn sie den Spielvorgang aus eigener Motivation wiederholt, kann sie diese Wahrnehmungserfahrungen über die Körpersinne, die Fernsinne und ihre Gefühle differenzieren.

Emma hat ihr Spiel selbst initiiert und aus einem eigenen Impuls damit begonnen, sich als Ziel zu setzen, die Bauplatte bis auf die letzte Lücke mit Steinen zu füllen. Dazu gehören Fantasie, logisches Denken und Lernen in Sinnzusammenhängen.

Abschließend zu ihrem Spiel hat sie die Beendigung ihres Spiels verbalisiert und sich und ihr Werk damit in Beziehung zur Umwelt gesetzt.

Auswertung am Beispiel von Emma

So könnte die Auswertung bei dem vorher beschriebenen Lerngeschichten-Beispiel aussehen:

Kreativität: Die konsequente Umsetzung des selbst erfundenen Spiels und des selbst erwählten Materials.

Wahrnehmung: Emma erkennt, wann sie einen Stein austauschen bzw. einen anderen Stein in die Lücke setzen muss. Darüber hinaus setzt sie sich mit den einzelnen Farben auseinander. Sie unterscheidet die unterschiedlich gefärbten Duplo-Steine voneinander.

Motorik: Emma nimmt die Duplo-Steine mit dem Pinzettengriff oder mit der ganzen Hand und setzt sie an gezielten Stellen auf die Platte. Während der Bauphase ist der Körper von Emma sehr angespannt.

Kognition: Emma verfolgt im Spiel einen von ihr zuvor festgelegten Handlungsplan. Das Ergebnis ist kein Zufall.

Konzentration: Emma arbeitet ruhig und konzentriert an ihrem selbst gewählten Spiel. Sie setzt ihr Spiel ausdauernd fort, bis das Ziel erreicht ist. Sie lässt sich von den spielenden Kindern um sich herum nicht ablenken.

Raumeinteilung: Die Duplo-Steine die keine Verwendung zum Bauen finden, da sie zu klein oder zu groß für die jeweilige Lücke sind, werden in die Duplo-Kiste zurückgelegt. Der zur Verfügung stehende Raum auf der Duplo Platte wird von Emma genau ausgenutzt und mit den Duplo-Steinen vollständig ausgefüllt.

Zu beachten ist jedoch immer: Egal, wie gut Sie das Kind kennen, es wird Ihnen nicht möglich sein, den individuellen Sinn / Wert, den die Tätigkeit für das Kind darstellt, beobachten zu können. Die Beobachtungen enden immer vor dem Kopf des Kindes. Nur das Sichtbare kann bewertet und interpretiert werden.

So fördern Sie die Entwicklung des Kindes

Die Auswertung Ihrer Beobachtungen kann anschließend Grundlage für die Planung einer sinnvollen Unterstützung des Lernprozesses beim Kind sein. Im Beispiel von Emma kann die Förderung ihrer Selbstbildungspotenziale wie folgt aussehen:

  • Sie geben Emma eine größere Bauplatte als zuvor.
  • Sie stellen weitere unterschiedliche Konstruktionsmaterialien wie z. B. Holzklötze, Magnetsteine, usw. zur Verfügung.
  • Sie integrieren Fotos und/oder Zeichnungen verschiedener Bauwerke als Anschauungsmaterial in die Bauecke.
  • Sie benennen die verschiedenen Gebäude auf den Fotos und den Zeichnungen und erklären deren Funktionen.
  • Sie bauen gemeinsam mit Emma und besprechen dabei mit ihm die einzelnen Arbeitsschritte.
  • Sie laden ein weiteres Kind in die Bauecke ein, von dem Sie wissen, dass es ebenfalls gerne mit diesen Materialien arbeitet. Die Kinder können sich dann gegenseitig unterstützen bzw. voneinander lernen.
  • Sie laden Emma in den Kreativbereich Ihrer Einrichtung ein und bieten ihr ein Holzbrettchen und Ton an. Vielleicht hat Emma Interesse daran, das Holzbrettchen vollständig mit Ton zu bestücken.

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