Kinderarmut – so setzen Sie neue Impulse in der Elternarbeit


20.02.2018

Arme Kinder – in einem reichen Land? Das Thema betrifft nicht nur Kinder aus Asylanten- oder Migranten-Familien. „Klaus hat keine Fahrkarte, bei Ulli fehlen die Schulhefte seit einer Woche, die Mutter von Eva verspricht seit Tagen, das Eintrittsgeld mitzubringen.“ Vergesslichkeit der Eltern, gar Ignoranz für Ihre pädagogische Arbeit? Dieser Schluss liegt nahe, und doch ist es wichtig, genauer und differenzierter hinzusehen.

Bauen Sie vertrauensvolle Beziehungen auf

Vertrauensvolle Beziehungen zu Eltern wachsen nicht von allein. Denn viele Eltern wollen ihre Situation möglichst nicht nach außen zeigen. Andere Eltern gehen sehr offen, sogar fordernd mit ihrer prekären Situation um. All dies kann zu Komplikationen in Ihrer Zusammenarbeit mit den Eltern führen. Im Sinne der Kinder sind eine offene Beziehung und eine wohlwollende Gesprächsführung mit den Eltern wichtig:

  • Überprüfen Sie Ihre eigene Einstellung zu den Eltern kritisch.
  • Geben Sie positive Rückmeldungen. Täglich gibt es viele Möglichkeiten, den Eltern Positives über ihr Kind zu sagen.
  • Nutzen Sie bewusst Tür-und-Angelgespräche auch bei Eltern, die kaum deutsch sprechen.

Diese Wertschätzung schafft Offenheit, und darauf können Sie bei den nächsten Hilfsangeboten aufbauen.

Hilfsmöglichkeiten von Anfang an

Manche Bundesländer übernehmen bei sozial schwachen Familien (anteilig) die Kosten für einen Kita-Platz. Erkundigen Sie sich beim Träger, wie es bei Ihnen gehandhabt wird. Fragen Sie deshalb routinemäßig im Anmeldegespräch, ob die Eltern z. B. beim Jugend- oder Sozialamt einen Antrag auf Kostenübernahme stellen wollen. Betonen Sie, dass Sie allen Eltern diese Frage stellen. Damit verringern Sie die Gefahr, die Eltern zu beschämen.

Das entsprechende Formblatt können Sie sich bereits im Vorfeld vom Jugendoder Sozialamt geben lassen und dann bei Bedarf direkt ausfüllen. Weiter erhalten Sie an dieser Stelle Auskunft, an welchen Sachbearbeiter sich die Eltern wenden müssen. Geben Sie den Namen sowie die Zimmer- und Telefonnummer weiter. Damit senken Sie die Hemmschwelle, sich mit dem Antrag auf Kostenübernahme an die entsprechenden Stellen zu wenden.

Unterstützen Sie durch Bildungsfonds

Wie im Armutsbericht der Bundesregierung deutlich gemacht wird, verwehrt Armut den Kindern die Teilhabe an kulturellen Erfahrungen, z. B. einem Museums- oder Theaterbesuch. Ihre Einrichtung bietet diese Erlebnisse. Wenn für einen solchen Besuch 2 € eingesammelt werden, kann auch der geringe Betrag die Eltern vor Schwierigkeiten stellen. Etwa dann, wenn auch das Geschwisterkind im selben Zeitraum Kopiergeld für die Schule zahlen muss.

Legen Sie dafür in Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat einen Fonds an, der durch Einnahmen einer Tombola, eines Kuchenverkaufs oder des Sommerfestes gefüllt werden kann. Bieten Sie den Eltern in einer Notlage die (teilweise) Übernahme des Betrages aus diesem Fonds an, damit das Kind an kostenpflichtigen kulturellen Angeboten teilnehmen kann. Damit dieser Beitrag nicht als „Almosen“ empfunden wird, können die Eltern die Exkursion als Begleitperson unterstützen oder andere Hilfe leisten.

Öffentlich geförderte Unterstützung

Nutzen Sie das bundesweit finanzierte Bildungspaket. Darüber werden nicht nur Ausflüge des Kindergartens finanziert, sondern auch der Sportverein, die Musikschule, Nachhilfe usw.

Viele Städte und Kommunen bieten einen „Pass“ an (in Frankfurt/Main ist es der Frankfurt Pass, in München der München Pass, Hamburg hat ein Gutscheinsystem). So bekommen (einkommensschwache) Familien Entlastung – beispielsweise durch ermäßigte Eintritte in Museen, Zoos, Schwimmbäder, Oper, Volkshochschule usw. und teilweise auch eine Ermäßigung bei Monats- und Jahreskarten des öffentlichen Verkehrsnetzes. Erkundigen Sie sich vorab, und machen Sie die Eltern auf dieses Angebot aufmerksam.

Leisten Sie unbürokratische Alltagshilfen

Nicht immer fällt die Armut der Kinder auf. Dennoch gibt es einige Punkte, die Sie beobachten können: Die Kinder werden z. B. schlechter ernährt oder sind mangelhaft ausgerüstet, gerade im Winter. Um dem entgegenzuwirken, können Sie durch einen Aushang alle Eltern um Spenden für eine „Gruppen- Obstschale“ bitten, von der jedes Kind sich etwas nehmen darf. Vielleicht kann sich auch Ihre Einrichtung z. B. aus Sachspenden einen Fundus an Regenjacken, Regenhosen und Gummistiefeln zulegen, die Sie den Kindern dann bei Bedarf ausleihen können.

Mein Fazit

Während es Eltern gibt, die solche Angebote dankbar annehmen, wird es auch vorkommen, dass die geschaffenen Möglichkeiten ohne Notwendigkeit genutzt werden. Hier zeigt sich ein Balanceakt: nämlich einerseits Hilfe anzubieten und andererseits Verantwortung einzufordern, wo es jeweils notwendig erscheint. Um diesen Balanceakt im Einzelnen zu bewältigen, brauchen Sie Fingerspitzengefühl und Intuition. Gehen Sie dabei unvoreingenommen auf alle Eltern zu.


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