Krieg und Terror beschäftigen Kinder – so reagieren Sie ehrlich und sensibel auf ihre Ängste


04.11.2017

Miriam erinnert sich an Fernsehbilder: „Es waren keine Menschen mehr auf den Straßen, nur Polizisten.“ Sie erzählt von ihren Eindrücken des 13.11.2015. Die unbegreiflichen Terroranschläge in Frankreichs Hauptstadt haben nicht nur Erwachsene erschüttert. Plötzlich wurde eine Angst real: Wie wird es weitergehen? Wird es auch in Deutschland Anschläge geben?

Die Terroranschläge zeigten sehr deutlich, dass die Welt der Erwachsenen vor den Kindern nicht Halt macht. Doch wenn Krieg und Terror uns Erwachsene in Angst und Schrecken versetzen – was lösen die Ereignisse bei den Kindern aus? Wie können Sie ihnen zur Seite stehen, wenn Sie selbst ratlos und betroffen sind?

Sie sind doppelt gefordert

Die Kinder brauchen Sicherheit und Halt, wenn die Welt der Erwachsenen ihre eigene erschüttert, wenn Bilder vom Krieg, von Bombenanschlägen und Gewalt Angst machen – die Kinder brauchen Sie! Dabei versuchen Sie selbst, das Geschehene zu verarbeiten und zu begreifen. Sie sind aufgewühlt und möglicherweise persönlich sehr betroffen. Gleichzeitig sind Sie wichtiger
Ansprechpartner für die Kinder. Diese wünschen sich von Ihnen Antworten und das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.

Gespräche und Erklärungen sind wichtig, aber auch sehr schwierig. Denn es gibt kein richtiges oder falsches Vorgehen. Die folgenden 8 Tipps helfen Ihnen, die Kinder in ihren Ängsten aufzufangen und zugleich Ihre eigenen Gefühle zuzulassen.

1. Tipp: Sorgen Sie für sich

Terror und Gewalt erschrecken. Sicher sind Sie selbst nach Meldungen über Amokläufe in den Schulen oder Bombenanschläge erschüttert. Sprechen Sie in Ihrem privaten Umfeld und im Team mit Ihren Kolleginnen über diese Schreckensmeldungen. So können Sie Ihre Gedanken und Empfindungen ordnen und selbst Trost und Sicherheit erfahren.

2. Tipp: Achten Sie auf eine offene Atmosphäre

Nach einem schlimmen Ereignis können Sie sicher sein, dass viele Kinder davon gehört und im Fernsehen oder der Zeitung entsprechende Bilder gesehen haben. Achten Sie in solchen Situationen
besonders darauf, den Kindern Gelegenheit zu geben, mit Ihnen zu sprechen. Das gelingt Ihnen, indem Sie

  • den Tagesablauf ruhiger gestalten, z. B. Ausflüge oder spannende Projekte verschieben
  • im Tagesablauf auf Gesprächsmöglichkeiten achten, z. B. beim Vorlesen oder beim Essen
  • im Erzählkreis allgemein nachfragen, ob die Kinder etwas auf dem Herzen haben oder etwas berichten wollen
  • Gesprächen den Vorrang geben, also z. B. später aufräumen oder das Mittagessen ausdehnen. So finden die Kinder Gelegenheit und Ruhe, um bei Bedarf mit Ihnen das Gespräch zu suchen.

3. Tipp: Warten Sie auf Äußerungen der Kinder

Kinder können dann am besten zuhören, wenn sie selbst eine Frage gestellt haben. Geben Sie also Informationen nicht ungefragt preis, sondern hören Sie zu, was genau das Kind wissen will oder was es bewegt. In einem offenen und gesprächsbereiten Umfeld wird das den Kindern nicht schwerfallen. Wichtiger Hinweis: Stille Kinder, die von sich aus wenig fragen, ermutigt es möglicherweise, wenn Sie nachfragen, was sie beschäftigt.

4. Tipp: Übergeben Sie dem Kind die Gesprächsführung

Nehmen Sie sich selbst im Gespräch möglichst zurück, und achten Sie genau auf die Äußerungen der Kinder. So können Sie das Gespräch immer wieder an das Kind zurückgeben, um
es nicht zu überfordern. Die Frage „Meinst du, es gibt bei uns bald Krieg?“ können Sie mit einer Gegenfrage beantworten: „Was denkst du darüber?“ So erfahren Sie viel über die Gedanken und Gefühle der Kinder und können das Gespräch an den Bedürfnissen der Kinder ausrichten.

Wichtiger Hinweis: Konfrontieren Sie die Kinder nicht mit ihren eigenen Abwehrmechanismen, z. B. wenn das Kind antwortet: „Kriege gibt es nicht bei uns, sondern nur weit weg.“ Damit teilt
das Kind Ihnen mit, dass es so Sicherheit empfindet. Vertreten Sie also nicht die gegenteilige Meinung.

5. Tipp: Geben Sie ehrliche Antworten

„Warum tun Mensches das?“, „Wird es auch bei uns Bomben geben?“ sind Fragen, die sich kaum klar beantworten lassen. Geben Sie den Kindern ehrliche Antworten darauf – auch wenn das bedeutet, dass Sie auf manche Fragen keine Antwort geben können. Scheuen Sie sich nicht, mit „Ich weiß es nicht!“ zu antworten. Achten Sie darauf, dass Sie nichts beschönigen oder überspielen.

Die Kinder spüren sehr genau, wenn Sie Dinge erfinden, um sie zu beruhigen. Das könnte ihr Vertrauen erschüttern und ihr Gefühl von Unsicherheit verstärken, denn Kinder haben sehr feine Antennen für Ihre Gefühle. Gemeinsam mit ihnen können Sie überlegen, wie Sie eine Antwort oder eine Lösung finden können. Das könnte auch z. B. ein Gebet, ein Brief oder das Entzünden einer Kerze sein.

6. Tipp: Antworten Sie in der Sprache des Kindes

Jedes Kind braucht individuelle Antworten. Ihre Form der Erklärung hängt vom Entwicklungsstand und dem Alter des Kindes ab:

  • Kinder bis ca. 5 Jahren nehmen schlimme Ereignisse ganzheitlich auf. Sie empfinden die Ängste der Erwachsenen genauso stark wie die Bilder der Ereignisse selbst. Zudem fürchten sie sich meist vor den Folgen von Krieg und Terror mehr als vor dem Ereignis selbst: „Was passiert mit mir, wenn Mama und Papa sterben?“ Sie brauchen kurze, einfache Erklärungen ohne Fremdwörter.
  • Kinder ab 6 Jahren und Schulkinder wollen die Ereignisse ergründen und suchen nach Erklärungen. Sie können komplexeren Erläuterungen schon sehr gut folgen und fordern diese auch ein.

Indem Sie Bezüge zur Lebenswelt der Kinder herstellen, können Sie sehr anschaulich erklären: „Das ist so, als wären du und dein Freund unterschiedlicher Meinung…“

7. Tipp: Wiederholen Sie so oft wie nötig

Da Kinder ihre Gefühle nur bedingt sprachlich ausdrücken können, sollten Sie ihnen weitere Ausdrucksformen ermöglichen. In Bildern oder Rollenspielen eröffnen Sie den Kindern weitere Wege, ihre Gefühle zu zeigen. Bieten Sie diese Möglichkeit deutlich an: „Es ist schwer, darüber zu sprechen. Möchtest du ein Bild davon malen?“ Das Bild sehen Sie sich dann gemeinsam mit dem Kind an.

Auch Träume erzählen von Gefühlen. Deshalb können Sie sich von den Kindern auch ihre Träume berichten oder malen lassen.

8. Tipp: Achten Sie auf Trennungskinder

Kinder, die eine Trennung der Eltern, den Tod einer Bezugsperson oder ein anderes traumatisches Erlebnis zu verarbeiten haben, reagieren besonders sensibel. Berichte über Krieg oder Gewalt
können ihr Gefühl von Hilflosigkeit und Verlassensein verstärken. Diese Kinder brauchen Ihre besondere Aufmerksamkeit und Nähe.

Wenn Kinder zusätzliche Hilfe brauchen

Die Kinder werden unterschiedlich schnell wieder zur Tagesordnung übergehen. Manche werden das Erlebte rascher verarbeiten können als andere. Möglicherweise gibt es einzelne Kinder, die die Angst vor Krieg und Terror so aus der Bahn wirft, dass Sie ihnen nicht mehr allein weiterhelfen können. Dann ist die Hilfe von Experten gefragt.

Mit unten stehendem Test können Sie herausfinden, ob das Kind z. B. einem Kinderarzt, -psychologen oder in der Erziehungsberatungsstelle vorgestellt werden sollte. Sprechen Sie die Eltern bei Bedarf offen darauf an, und bitten Sie um schnelle Kontaktaufnahme bei der entsprechenden Stelle. Denn meist ist mit Wartezeiten von mehreren Wochen oder gar Monaten zu rechnen. Eine gute Unterstützung für die Eltern bieten Sie, wenn Sie ihnen einige Kontaktadressen direkt mitgeben.

Durch die beschriebenen Maßnahmen helfen Sie den Kindern, mit schwierigen Ereignissen leichter umzugehen. Sie lernen, die Welt der Erwachsenen auch von ihrer schlimmen Seite zu begreifen – oder sie erkennen, dass selbst Erwachsene manches auch einfach nicht verstehen. Gerade schwierige Gespräche stärken die Beziehung und das Vertrauen zwischen Ihnen und den Kindern.

Test: Braucht das Kind weitergehende Hilfe?

Auswertung

  • Haben Sie mindestens 5 Fragen mit „Ja“ angekreuzt, kann eine „posttraumatische Belastungsstörung“ vorliegen. Dann empfehlen sich der Besuch beim Kinderarzt und eine anschließende therapeutische Behandlung.
  • Haben Sie 9- bis 13-mal „Nein“ angekreuzt, sind keine weitergehenden therapeutischen Maßnahmen notwendig. Beobachten Sie das Kind weiterhin genau. Denn Auffälligkeiten können sich auch mit einer großen zeitlichen Verzögerung einstellen.

Muss das Kind eventuell Medikamente nehmen?

Ist eine Medikamentengabe bei einem Kind notwendig, bitten Sie die Eltern, die Medikamentengabe für ihr Kind mit Angaben zur Dosierung und Darreichungsform vom zuständigen Arzt bestätigen zu lassen. Dafür können Sie diesen Musterbrief nutzen.

https://www.pro-kita.com/downloads/bestaetigung-von-medikamentengaben/


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