„Wir sind auch noch da!“ Hören Sie auch die stillen und schüchternen Kinder?


26.10.2017
Share Button

Sie sind still, oftmals zurückgezogen und unauffällig. Manche sprechen nur dann, wenn sie angesprochen werden, manche nicht einmal dann: leise Kinder, die schüchtern sind und sich nicht trauen, sich und ihre Persönlichkeit in einer Gruppe einzubringen. Aber natürlich haben auch sie, genauso wie andere Kinder, das Bedürfnis, gehört zu werden, sie haben Wünsche und Bedürfnisse, die gestillt werden wollen.

„Wir sind auch noch da!“, kann für uns Erzieherinnen zu einer Aufforderung werden, diese Kinder bewusst wahrzunehmen. Im lauten Alltag auf das Leise zu achten und uns dieser Kinder, auf eine besondere Art und Weise, anzunehmen. Damit wir uns dafür öffnen können, ist es wichtig, dass wir versuchen, uns in schüchterne Kinder hineinzufühlen. Empathie heißt das Zauberwort: „Warum bist du so, wie du bist?“ Wenn uns das gelingt, dann fühlen sich leise Kinder ernst und wahrgenommen und nur dann können sie sich uns gegenüber öffnen.

Schüchternheit, was ist das?

Schüchternes Verhalten kann zweierlei Ursachen haben:

  • das angeborene Temperament, damit ist Schüchternheit eine Charaktereigenschaft und / oder
  • eine anerzogene und damit erlernte Schüchternheit.

Schüchternheit zeigt sich in ängstlichem Verhalten bei Kindern, die wenig sprechen und in größeren Gruppen ganz verstummen. Oft braucht es viel Zeit, bis sich diese Kinder Ihnen als Bezugsperson anvertrauen können. Schüchterne Kinder sehen Mauern, wo keine sind, und haben damit oftmals (Versagens-) Ängste vor Dingen, die für andere Kinder überhaupt kein Problem darstellen. Solche Kinder hören von Erwachsenen oft gut gemeinte Sprüche wie: „Ach komm, jetzt stell dich doch nicht so an. Du bist doch schon so groß. Die anderen Kinder haben das doch auch geschafft.“ Doch diese Sätze bewirken, dass sich diese Kinder noch kleiner fühlen und sich mehr zurückziehen. Das hat damit zu tun, dass ihr Selbstbild so gering ist, dass sie sich etwas eben nicht einfach so zutrauen. Sie denken: „Ja, der andere hat das geschafft. Aber ich kann das sicherlich trotzdem nicht. Ich traue mich das einfach nicht“.

So sollten Sie vorgehen

Wenn Sie bemerken, dass ein Kind sich sehr zurückhaltend und auffällig leise verhält, dann sollten Sie Ihr Augenmerk darauf lenken. Beobachten Sie das Kind in den verschiedensten Situationen
über einen längeren Zeitraum. Hierbei merken Sie schnell, wie ausgeprägt die Zurückhaltung ist. Ob es Situationen gibt, in denen das Kind es auch schafft, sich zu überwinden, ob es in kleinen Gruppen auch zu sprechen beginnt etc. Beobachten Sie zudem, wie die Eltern mit ihrem Kind umgehen. Wenn Sie wenig verständnisvolles Verhalten bemerken und Sätze fallen, die ähnlich sind, wie die oben angeführten, dann müssen Sie das Gespräch mit diesen Eltern suchen!

Berichten Sie im Gespräch von Ihren Beobachtungen und warten Sie ab, wie die Eltern darauf reagieren. Es kann sein, dass die Schüchternheit tatsächlich eine angeborene Eigenschaft ist. Das
zeigt sich dann in Sätzen wie: „Ich war als Kind genauso! Meine Mutter sagt, dass meine Tochter sich genauso verhält wie ich früher.“

Wichtig ist allerdings, wie Sie, also die Bezugspersonen in der Kita und auch die Familie, damit umgehen und welche Botschaften Sie dem Kind senden. Nachfolgend finden Sie Verhaltenstipps, die bei leisen und schüchternen Kindern beachtet werden sollten. Thematisieren Sie diese gegebenenfalls im Elterngespräch und wenden Sie diese in Ihrer Arbeit mit dem Kind an. In der Übersicht finden Sie zudem noch einmal alle Tipps in „Kurzversion“. Kopieren Sie sich die Übersicht unten und hängen Sie sie an einem gut sichtbaren Platz im Gruppenraum auf. So werden
Sie immer wieder daran erinnert!

Oberste Priorität: Selbstvertrauen

Damit zurückhaltende Kinder lernen, sich mehr und mehr zu öffnen, benötigen sie eine gute Portion Selbstvertrauen. Dies gewinnen sie nur durch Lob und Anerkennung nach Erfolgserlebnissen
sowie durch ermutigende Sätze. Ganz wichtig sind folgende Grundsätze: schüchterne Kinder nie bedrängen, das zurückhaltende Verhalten nicht tadeln und auch nie vor anderen ansprechen.

Stattdessen müssen Bezugspersonen auch auf kleine Erfolgserlebnisse achten und diese wertschätzend dem Kind rückmelden: „Ich habe bemerkt, wie gut dir das gelungen ist. Ich freue mich mit dir, dass du das kannst!“ Erinnern Sie diese Kinder immer wieder, gerade auch in schwierigen Momenten, an Dinge und Situationen, die gelungen sind.

Übertragen von kleinen Aufgaben

Vermitteln Sie diesen Kindern immer wieder kleine Aufgaben, die sie bewältigen können. Solche Aufgaben können sein: die Blumen gießen, die Soße im Topf umrühren, einen Info-Zettel in der
Nachbargruppe abgeben. Zeigen Sie dem Kind auf, wie hilfreich Ihnen diese Unterstützung ist: „Es hilft mir sehr, dass du den Zettel rüberbringst. Dann kann ich in dieser Zeit mit Helene auf die Toilette gehen.“ Dadurch, dass Sie das Kind immer wieder beobachten, können Sie gut einschätzen, was Sie dem Kind schon alles zutrauen und übertragen können und wo es sich vermutlich noch überfordert fühlen würde. Wichtig ist, dass diese Art von „Zutrauen“ langsam und behutsam geschieht und auch nicht jeden Tag eingefordert wird.

Eingestehen von Zeit

Schüchterne Kinder werden oft unterschätzt. Es ist ja nicht so, dass sie nicht in der Lage wären, sich in eine Gruppe aktiv einzubringen, es ist nur so, dass sie dafür einfach etwas mehr Zeit brauchen. Daher sollten sich die Erwachsenen immer wieder bewusst machen, dass sie das Kind nicht drängen und ihm sein eigenes Tempo zugestehen. Das erfordert gerade von Eltern viel Geduld. Versuchen Sie, die dahinterstehenden Sorgen wahrzunehmen, aber auch aufzuzeigen, was das Kind schon alles kann und in den letzten Monaten bereits gelernt hat. Schauen Sie auf die Entwicklung und bitten Sie die Eltern darum, gemeinsam mit Ihnen Geduld mit dem Kind zu haben.

Tauschen Sie die Rollen

Gerade wenn zurückhaltende Kinder sehr leise sind und sich weniger zutrauen, so ist es doch so, dass sie sich oftmals wünschen, jemand anders zu sein oder anders handeln zu können. Bieten Sie
den Kindern Rollenspiele an, in denen sie eine andere Seite in sich entdecken. Wie wäre es mit dem Riesen, der unheimlich stark ist und durchs Land der Zwerge stapft, dem mutigen Feuerwehrmann, der Menschenleben rettet, oder dem Clown, der jeden Tag im Rampenlicht steht? Sie können gemeinsam mit dem Kind solche Rollen entwerfen und sich ausmalen, was diese Person alles macht und kann. Zudem können Sie die Praxisanregungen und die Geschichte auf den Seiten 6 und 7 in diesem Heft nutzen.

Indem die Kinder diese andere Rolle: den Starken, den Lauten, den Lustigen, den, der im Rampenlicht steht, spielen, erleben sie, wie sich das anfühlen kann. Selbst wenn die Kinder noch nicht den Mut haben, diese Rolle zu spielen, so sind schon allein das Reden darüber und die Vorstellung davon für schüchterne Kinder hilfreich. Mit jedem Rollentausch, sei es nur in der Vorstellungskraft oder auch im realen Spiel, begeben sich die Kinder spielerisch in eine andere Persönlichkeit hinein. Wenn das immer und immer wieder ausprobiert wird, ist es irgendwann so vertraut, dass das Kind sich traut, eine solche Eigenschaft für sich auszuprobieren, eventuell sogar zu übernehmen.

Bieten Sie Kontakte an

Was die Kontaktpflege angeht, benötigen stille Kinder mehr Unterstützung als andere. Beziehen Sie in Spielsituationen immer wieder Kinder mit ein, von denen Sie denken, dass sie gut dazupassen. Wenn Sie spüren, dass die Spielsituation von alleine weiterläuft, ziehen Sie sich mehr und mehr zurück. Berichten Sie auch den Eltern von diesen Kontakten und bitten Sie darum, dass das Kind auch außerhalb der Kita Kontakt zu diesen Kindern hat, natürlich nur, wenn das vom Kind gewünscht ist.

In der Regel wird es zuerst sinnvoll sein, dass das schüchterne Kind ein Kind zu sich nach Hause einlädt. Zu einem späteren Zeitpunkt ist es vielleicht auch schon in der Lage, das andere Kind zu besuchen.

Rituale für mehr Sicherheit

Feste Abläufe, Regelmäßigkeiten und schöne Rituale geben Kindern Sicherheit. Dies benötigen schüchterne Kinder ganz besonders. Fragen Sie zum einen bei den Eltern nach, welche Rituale sie zu Hause pflegen. Ganz wichtig ist vor allem ein Ritual am Morgen, vor der Trennung in der Kita, und vor dem Zubettgehen. Weitere Rituale können sein, dass sich ein Elternteil nach dem Abholen mindestens 10 Minuten Zeit nimmt und das Kind von seinem Tag berichten lässt.

Vielleicht erfinden Kind und Eltern auch gemeinsam eine Art „Zauber“, der dem Kind das Gefühl von Kraft und Mut vermittelt, es den Tag über begleitet und unterstützen kann: Der Krafttrunk, der auf dem Frühstückstisch steht und dem Kind Kraft für den Tag verleiht, ein Segen, der dem Kind zugesprochen wird, bevor gemeinsam das Haus verlassen wird, wären hierfür Beispiele.

Auch in der Kita können Sie solche Rituale einführen: Zu jedem Gesprächskreis gestalten einige Kinder die Mitte mit bunten Tüchern und Naturmaterial sowie einer Kerze, die immer von einem
Kind angezündet werden darf. Im Morgenkreis werden zuerst von einem Kind alle anwesenden Kinder gezählt usw. Mit diesen Tipps ausgerüstet können Sie nun ermutigend auf leise und schüchterne Kinder zugehen!

Praxistipps

Die wichtigste Voraussetzung, um das Kind zu stärken, ist Ihre offene und unvoreingenommene Grundhaltung gegenüber dem Kind!

Übersicht: Tipps zum Umgang mit schüchternen Kindern

Sie wissen nicht, wie Sie das Problem den Eltern schildern sollen?

Elterngespräche gehören zum Kerngeschäft jeder Kita. Sie streben natürlich danach, dass die Elterngespräche in Ihrer Einrichtung auf einem hohen qualitativen Niveau geführt werden. Nutzen Sie für die Vorbereitung und Durchführung des Gespräches die nachfolgende Mustervorlage.

https://www.pro-kita.com/downloads/gespraechsvorlage-zum-vorbereiten-und-durchfuehren-eines-elterngespraechs/

Share Button

Weitere Beiträge zu diesem Thema:

Die perfekte Raumgestaltung für eine optimale kindliche Entwicklung

2. November 2016

Aktivität – Kommunikation – Erfolg – Geborgenheit – Bewegung – Zuwendung: All das sind Begriffe, die ein Freispiel prägen sollten und den Bedürfnissen der Kinder nach freier Entfaltung entsprechen. Sie... Die Punkte helfen Ihnen bei der Raumgestaltung

Respekt für Kinder – Feiern Sie den Weltkindertag als fröhliches Fest der Kinderrechte

20. November 2017

Kinder sind ganze Menschen, keine halben Portionen. Sie haben Träume und Visionen, sie haben klare Meinungen – und sie haben Rechte. Diese Kinderrechte zu stärken und die Freundschaft der Kinder und Jugendlichen weltweit zu... Lesen Sie hier Ideen, wie Sie zusammen mit Kindern und Eltern ein Kinderfest gestalten können.

Erntedank der besonderen Art: Feiern Sie dieses Jahr ein „ELTERN-Dankfest“

19. September 2017

Die Kinder erleben Erntedank heute so: Das ursprüngliche Ziel, nämlich der Dank für die eingebrachte Ernte, ist für die Kinder nur schwer nachvollziehbar. Die Regale in den Supermärkten sind immer voll, die Auswirkungen einer... So organisieren Sie das Eltern-Dankfest



© 2017 PRO Verlag, Bonn