Konstruktive Kritik üben: Sorgen Sie für ein gutes Gleichgewicht zwischen Lob und Kritik!


31.07.2018

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor: Eine Kollegin kommt auf Sie zu und erzählt Ihnen frustriert Folgendes: „Ich ertappe mich häufig dabei, dass ich immer wieder an den Kindern herummeckere. Dabei möchte ich doch eigentlich einen positiven Umgang mit allen Kindern pflegen. Ich komme mir vor wie eine alte Meckerziege.“

Nur wenn wir im Umgang mit Kindern, Kolleginnen und Eltern selbst ein Vorbild sind, können die Kinder auch einen guten Umgang mit Lob und Kritik lernen. Denn dieses ist eine wichtige Basiskompetenz für das gesamte Leben. Daher möchte ich Sie einladen, sich gemeinsam im Team mit den folgenden Anregungen zu beschäftigen.

Wie oft loben Sie?

Nehmen Sie sich für ein bis 2 Tage vor, Ihren Sprachgebrauch zu reflektieren. Dazu legen Sie eine Liste mit 2 Spalten an. Auf der einen Seite der Spalte machen Sie einen Strich für jedes Lob, das Sie an einem Tag ausgesprochen haben, auf der anderen Seite für die verteilte Kritik. Wenn Sie möchten, können Sie auch die Personen (egal, ob Kinder, Kolleginnen, Eltern, Telefonpartner) notieren. Vergleichen Sie am Ende des Arbeitstages die beiden Spalten.

 

 

Vielleicht stellen Sie fest, dass auf der Tadel-Seite mehr Striche zu sehen sind, wenn nicht, dann herzlichen Glückwunsch! Eine Regel besagt: „Für jede verteilte Kritik sollte man die betreffende Person 5-mal loben.“ So wird die „Negativ-Botschaft“ beim Betroffenen durch das Positive wieder aufgewogen.

In die Praxis gebracht: 2-mal Kritik für ein Kind bedeutet 10-mal Lob! Diese wichtige Erkenntnis sollten Sie stets berücksichtigen.

Überlegen Sie im Team

Vielleicht haben mehrere Erzieherinnen aus Ihrem Team Lust, diesen „Selbsttest“ durchzuführen. Besprechen Sie anschließend die Ergebnisse und die gemachten Erfahrungen. Überlegen Sie nun gemeinsam, wie es Ihnen gelingen kann, Kinder mehr zu loben.

Auf die Wortwahl kommt es an

Sie kennen das auch: Oftmals ist es nicht die Kritik an sich, die uns trifft, sondern die Art und Weise, wie der andere es uns sagt. Die Devise lautet: Kritisieren, ohne zu verletzen. Die folgende Übersicht hilft Ihnen dabei zu überprüfen, ob Sie ein wertschätzendes Lob aussprechen.

Beherzigen Sie diese Tipps bei Kritik

Sicherlich sind Sie manches Mal aufgebracht über eine Situation oder ein Verhalten. Es ist auch wichtig, dass Sie das aussprechen. Sie sollen nicht jegliches Verhalten tolerieren. Beherzigen Sie dabei die folgenden 5 Tipps.

  1. Kritisieren Sie nur, wenn es wirklich notwendig ist. Wenn ein Kind sich schon selbst über etwas ärgert oder traurig ist, brauchen Sie nicht nochmals Kritik zu üben.
  2. Suchen Sie in jeder Situation nach Lobenswertem und heben Sie das hervor.
  3. Bitten Sie um eine ehrliche Rückmeldung durch Kolleginnen, z. B. über Häufigkeit und Art des Lobes/der Kritik, um sich selbst zu optimieren.
  4. Versuchen Sie, eine Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln (der einzelnen Kinder) zu betrachten, um nicht ungerecht zu tadeln.
  5. Warten Sie bei großem Ärger ab, bis dieser sich gelegt hat, oder bitten Sie eine Kollegin um Hilfe.

Ist Ihr Lob bzw. Ihre Kritik wertschätzend?

Vermeiden Sie die folgenden FormulierungenSo formulieren Sie gekonnt
Sprechen Sie nicht in Passivsätzen wie: „Es war erfreulich, dass …“Formulieren Sie Sätze aktiv, z. B.: „Ich habe mich gefreut, dass …“
Verwenden Sie keine Verallgemeinerungen wie „man“ „manche“
„Das habt ihr alle toll gemacht“ oder „die anderen Kinder“
Sprechen Sie über konkrete Personen. Sagen Sie „ich“, „Frau
Müller“ oder „Peter und Jan“.
Vermeiden Sie anklagende Sätze wie: „Du hast … gemacht ...“Senden Sie Ich-Botschaften wie beispielsweise: „Ich habe mich
sehr darüber geärgert, dass …“
Vermeiden Sie unkonkrete Äußerungen wie: „Das hast du toll
gemacht.“
Beziehen Sie sich auf einen konkreten Sachverhalt: „Ich bin begeistert,
wie lange du dich bei dem Spiel konzentriert hast.“
Aussagen, denen Ihre Empathie fehlt, wie: „Du bist selbst schuld.
Das musste ja so kommen, bei dem wilden Spiel.“
Zeigen Sie Empathie: „Ich kann verstehen, dass du traurig bist,
weil dein Turm umgefallen ist.“
Sie sprechen aufmunternde Worte zu einem Kind und schauen
dabei gestresst aus. Oder Sie üben Kritik und lachen dabei.
Verhalten Sie sich auch nonverbal kongruent zu Ihren Aussagen.
Wenn Sie ein Kind loben, schauen Sie das Kind an, wenden sich in
Ihrer Körperhaltung dem Kind zu und lächeln dabei. Umgekehrt
machen Sie einen betroffenen Gesichtsausdruck, wenn etwas
Unangenehmes vorgefallen ist.
Vermeiden Sie nicht ehrliches Lob wie: „Mensch, das ist ja ein
cooler Krieger, den du gemalt hast.“
Sprechen Sie ehrlich über Ihre Gefühle, indem Sie beispielsweise
sagen: „Ich mag solche Figuren nicht. Ich freue mich dennoch darüber,
dass du die Figur so bunt und exakt ausgemalt und ausgeschnitten
hast. Ich habe den Eindruck, dass dir der Krieger sehr
wichtig ist.“
Übertreiben Sie nicht mit den Konsequenzen oder vermeiden Sie
unlogische Konsequenzen wie: „Wenn du dich nun nicht umziehst,
bekommst du kein Mittagessen.“
Zeigen Sie Konsequenzen auf, die mit dem Verhalten im direkten
Zusammenhang stehen, wie: „Wenn du dich nicht ausziehst, wird
dein Mittagessen kalt. Es steht schon auf dem Tisch.“

Haltung im Alltag verankern

Üben Sie diese Veränderungen immer wieder auch in Ihrer Einrichtung ein. Hilfreich ist es dafür, wenn Sie sich an einer oder mehreren gut sichtbaren Stellen im Gruppenraum eine Erinnerung aufhängen. Nehmen Sie hierfür z. B. einen Smiley: ein runder Kreis, auf den Sie ein lachendes Gesicht malen. Das Ganze möglichst noch in einer knalligen Farbe. Diesen hängen Sie dann, versehen mit der Botschaft „5 Mal!“, auf.

Üben Sie nun ganz bewusst das vermehrte Lob und die richtige Wortwahl bei Lob und Kritik. Lassen Sie sich hierzu immer wieder Rückmeldungen von Ihren Kolleginnen geben.

Sobald Sie diese Haltung mehr und mehr verinnerlicht haben, brauchen Sie sicherlich bald viel weniger Übung. Denn das Loben kommt fast schon „automatisch“ über Ihre Lippen. Schauen Sie immer auch darauf, wie die Kinder reagieren:

  • Was entwickelt sich durch ein differenziertes und detailliertes Lob?
  • Wie reagiert das Kind auf ehrliche und sachliche Kritik?
  • Wie wirkt sich ihr vorbildliches Verhalten auf das Verhalten der Kinder aus?
  • Beobachten Sie die Kinder, ob diese beginnen, auch untereinander anders miteinander zu reden und die Leistung eines anderen Kindes entsprechend zu würdigen.
  • Loben Sie die Kinder wiederum für ihr ausgesprochenes Lob. So fördern Sie diese wichtige Eingenschaft auch weiterhin.

Sprechen Sie über Situationen

Reden Sie immer wieder auch mit Ihren Kindern im Anschluss daran über die Situationen. Vertiefen Sie die Gespräche, die sich aus einem Lob oder einer Kritik ergeben. Dies ist auch eine gute Übung zur Förderung der Ausdrucksfähigkeit. Ihre Kinder werden bald bemerken, dass Sie „neu“ mit ihnen umgehen und wie gut sich das anfühlt. Ermutigen Sie auch die Kinder, diese Haltung einzuüben.

Das heißt: andere Kinder öffentlich zu loben, differenziert darüber zu sprechen, was der andere gut gemacht hat oder was ihn ganz besonders auszeichnet. Dies stärkt die Kinder, und gleichzeitig lernen sie einen anderen Umgang miteinander. Damit fördern Sie wichtige soziale Kompetenzen, die das Kind, je älter und reifer es wird, im alltäglichen Umgang mehr und mehr benötigt.

Falls Sie trotz guter Vorsätze mal ungerechtfertigt Kritik geübt oder eine falsche Wortwahl benutzt haben, sprechen Sie hinterher mit den Kindern darüber. So lernen die Kinder – von Ihnen als Vorbild –, mit Fehlern umzugehen. Zudem stärken Sie so auch die Beziehung der Kinder zu Ihnen.

Eltern an Erfahrungen teilhaben lassen

Durch Ihr differenziertes Lob werden Ihnen nun mehr Situationen auffallen, in denen Kinder, im Alltag, ganz nebenbei, Großes geleistet haben. Notieren Sie sich diese Situationen unbedingt in einigen Stichworten und heften Sie diese Notiz zu Ihren Kinderbeobachtungen. Sie sind eine prima Grundlage fürs nächste Elterngespräch, denn

  • gemeinsam schauen Sie mehr auf die Stärken des Kindes
  • und können anhand dieser Hilfsmöglichkeiten entwickeln, wie das Kind in seiner momentanen Entwicklung noch unterstützt werden kann.

Viel Erfolg und vor allem: selbstbewusste Kinder, die sich über wertschätzende und positive Rückmeldungen von Erwachsenen freuen und diese Erfahrungen sicherlich auch selbst umsetzen!


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