Das Kind in der Wickelsituation – autonom und doch behütet


20.12.2017

Wenn sich Kleinkinder im Krippenalltag als autonom erleben, ist das eine enorme Bereicherung für ihr Selbstbewusstsein – ganz besonders im Bereich der Körperpflege. Die sozialen Erfahrungen, die ein Kind beim Wickeln sammeln kann, sind wichtig für seine Entwicklung. Beispielsweise wenn das Kind bestimmt, von welcher Erzieherin es gewickelt werden möchte. Will ein Kind trotz voller Windel seine Spieltätigkeit nicht unterbrechen, ist Ihr Verhandlungsgeschick gefragt. Hier sind Sie in der Fürsorgepflicht, da das Kind einen wunden Po bekommt, wenn Sie es nicht wickeln. Mit dieser Balance zwischen Fürsorgepflicht und Autonomie regen Sie wichtige Lernerfahrungen bei den Kleinkindern an, die ihnen im Alltag Sicherheit geben.

Auf dieser Seite lesen Sie, wie wichtig Fürsorge und Autonomie beim Wickeln sind und wie Sie sich in Ihrem Team darüber abstimmen. Nutzen Sie dafür die Übersicht über die 6 Grundprinzipien nach Magda Gerber für einen respektvollen Umgang bei der Wickelsituation.

 

6 Grundprinzipien für einen respektvollen Umgang am Beispiel der Wickelsituation (nach Magda Gerber)

Sie betrachten Kleinkinder und Säuglinge als selbstständige und aktive Subjekte, die sich forschend und neugierig in ihrer Umwelt bewegen.
Beispiel: Sie fragen die Kleinkinder, von wem sie gewickelt werden möchten. Alle Verrichtungen, die das Kind dabei ohne Ihre Hilfe ausführen kann, lassen Sie es allein erledigen.

Sie wissen, wie wichtig die gestaltete Umgebung ist, und bereiten den Waschraum so vor, dass die Kinder sich entsprechend ihrer Entwicklung möglichst selbstständig bewegen können.
Beispiel: Über eine Treppe können die Kinder allein auf die Wickelkommode gelangen. Auch die Schublade mit neuen Windeln und Feuchttüchern/Waschlappen ist für die Kinder erreichbar.

Sie nehmen das Spiel des Kindes als Erprobungsprozess wahr, indem selbstbestimmte Handlungen durchgeführt werden. Sie achten darauf, diese Spiele nur selten zu unterbrechen.
Beispiel: Sie kündigen das Wickeln an, bevor Sie mit dem Kind zur Wickelkommode gehen. So unterbrechen Sie sein Spiel nicht abrupt. Auf der Wickelkommode können Sie z. B. ein spontanes Spiel initiieren.

Sie beziehen das Kind selbstverständlich in Entscheidungen, die es selbst betrifft, mit ein.
Beispiel: Sie fragen das Kind, ob es von Ihnen oder Ihrer Kollegin beim Wickeln begleitet werden möchte.

Sie beobachten die aktuellen Interessen des Kindes, z. B. beim An- und Auskleiden, beim Öffnen von Schubladen oder beim Aufdrehen von Cremedosen, und gehen im Dialog mit dem Kind darauf ein.
Beispiel: Ein Kind möchte seine Hose vor dem Wickeln unbedingt allein ausziehen. Dafür benötigt es natürlich viel mehr Zeit als Sie. Sie lassen dem Kind die nötige Zeit und schon bald gelingt ihm das Ausziehen schneller.

Sie bieten den Kindern Struktur im Tagesablauf, Transparenz über Vorhaben in der nahen Zukunft und Sicherheit durch wiederkehrende Rituale.
Beispiel: Wenn das Kind vor Ihnen auf dem Wickeltisch liegt, begrüßen Sie es dort jedes Mal mit dem gleichen Fingerspiel als wiederkehrendes Pflegeritual.

Bewahren Sie die kindliche Autonomie beim Wickeln

Die richtige Balance zwischen Fürsorge und Autonomie beim Wickeln zu finden kann eine echte Herausforderung werden. Je mehr Sie die Kinder am Prozess beteiligen und mitentscheiden lassen, desto mehr wächst ihr Selbstbewusstsein. Beispielsweise nimmt das Kind vor dem Wickeln die neue Windel selbstständig aus seiner Schublade, zieht die Hose aus oder schraubt die Cremedose auf. Dadurch erfährt das Kind, dass es die Wickelsituation mitgestalten kann.

Setzen Sie Grenzen

Wenn die Kleinkinder viele Möglichkeiten haben, den Wickelprozess mitzugestalten, ist es nur natürlich, dass sie beginnen, ihre Grenzen auszutesten. Hier sind Sie in der Fürsorgepflicht und gefordert, immer wieder neue Grenzen zu setzen. Wenn das Kind beispielsweise seine Windeln und die Creme im Raum verteilt, müssen Sie das natürlich unterbinden.

Sowohl die Autonomieerfahrung als auch die von Ihnen gesetzte Grenze sind wichtige Lernerfahrungen. Sie geben dem Kind Sicherheit in Bezug auf seine Persönlichkeit: „Ich kann das schon!“ Auf der anderen Seite erfährt es aber auch Ihre Fürsorge und Ihren Schutz. In diesem Rahmen kann das Kind sein Streben nach Autonomie ausleben und fühlt sich auch in der intimen Wickelsituation wohl.

Für Ihre Praxis:

Damit das Kind sich beim Wickeln besonders wohlfühlt, halten Sie Augenkontakt mit ihm und kündigen jeden neuen Schritt an, wie z. B. „Jetzt öffne ich deinen Body“. Hängen Sie auch eine Auswahl an Liedern und Reimen im Wickelbereich auf. Diese schaffen Nähe, wenn Sie sie vortragen.

Berührungsspiel für die Wickelzeit

Während Sie den folgenden Text vortragen, tippen und streicheln Sie das Kind an der benannten Stelle.

  • Das ist Dein Kopf
    Ich tipp ihn an und versuche, ob ich ihn streicheln kann.
  • Das ist Dein Bauch
    Ich tipp ihn an und versuche, ob ich ihn streicheln kann“.
    Sie können den Text um weitere Körperteile erweitern.

Stimmen Sie sich im Team ab

Reflektieren Sie im Team, wie Sie mit der Wickelsituation umgehen. Klären Sie z. B., wie Sie das Wickeln begleiten möchten, um diesen Prozess möglichst einheitlich zu gestalten. Wenn hier unterschiedliche Auffassungen aufeinandertreffen, tauschen Sie sich aus und versuchen Sie, eine gemeinsame Lösung zu finden.

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