Das Erikson Stufenmodell: 8 Phasen der Identitätsentwicklung


08.05.2023

Die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen dauert sein gesamtes Leben an und ist zu keinem Zeitpunkt abgeschlossen – so sagte es der Psychoanalytiker Erik H. Erikson. Jedes Ereignis kann die Identität eines Menschen prägen und dazu führen, dass sich die Persönlichkeit verändert, beziehungsweise weiterentwickelt. Um diese Entwicklung zu beschreiben und besser einzuordnen, hilft das Erikson Stufenmodell, das der Psychoanalytiker Erik H. Erikson entwickelt hat. 

Was ist das Erikson Stufenmodell?

Die Entwicklung der Persönlichkeit unterliegt laut Erikson ständigen Konflikten zwischen den eigenen Bedürfnissen und Wünschen einerseits sowie dem, was die Umwelt verlangt, andererseits. Für eine gelungene Bewältigung der Herausforderungen, die jeder Lebensabschnitt mit sich bringt, muss eine Balance zwischen Wünschen und Bedürfnissen sowie den Anforderungen der Umwelt gefunden werden. In diesem Spannungsfeld entwickelt sich die Persönlichkeit. Konflikte bleiben dabei nicht aus. 

Was sind die 8 Phasen des Erikson Stufenmodells?

Das Erikson Stufenmodell besteht aus acht Phasen, die jeweils von Wünschen und Bedürfnissen sowie den Erwartungen der Umwelt gekennzeichnet sind, die dem gegenüberstehen. Jede Stufe ist dabei von Krisen bestimmt, deren Bewältigung die weitere Entwicklung kennzeichnen. Diese Entwicklungsaufgaben variieren von Phase zu Phase. Das sind die 8 Phasen des Modells:

  • Phase 1: Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen
  • Phase 2: Autonomie vs. Scham und Zweifel
  • Phase 3: Initiative vs. Schuldgefühl
  • Phase 4: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl
  • Phase 5: Identität vs. Identitätsdiffusion
  • Phase 6: Intimität und Solidarität vs. Isolation
  • Phase 7: Generativität vs. Stagnation und Selbstabsorption
  • Phase 8: Ich-Integrität vs. Verzweiflung 

Exkurs: Wer war Erik H. Erikson?

Der Psychoanalytiker Erik Erikson wurde in Frankfurt am Main geboren und ist im Jahr 1933, nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen, mit Frau und Kind in die USA emigriert. Schon früh beschäftigte er sich mit der Psychologie, nachdem er Anna Freud, die Tochter Sigmund Freuds, und später auch Sigmund Freud selbst kennenlernte. Erikson war eigentlich Künstler und hatte an einer Kunstakademie studiert. Er ließ sich zum Psychoanalytiker ausbilden, hat aber nie Psychologie studiert. Er dozierte als Professor für Entwicklungspsychologie an der Berkeley- sowie an der Harvard-Universität, wo er auch erstmals sein Stufenmodell vorstellte. Erikson sieht die Ich-Identität als zentralen Teil der menschlichen Psyche an – auf dieser basiert auch sein Modell.

Er entwickelte es zusammen mit seiner Frau. Außerdem schrieb er zahlreiche Bücher, darunter psychoanalytische Biografien über Martin Luther, was ihn zu einem Vorreiter der Psychohistorie machte. Er wurde 91 alt und starb in Harwich, Massachussetts, in den USA. 

Was kennzeichnet die 8 Phasen des Stufenmodells von Erikson?

Phase Alter Merkmale Mögliche Folgen
1. Stufe: Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen 1. Lebensjahr Babys haben Bedürfnisse und brauchen neben Nahrung insbesondere enge Bezugspersonen wie die Mutter, die ihnen Geborgenheit schenkt.   Werden die Bedürfnisse eines Babys erfüllt, baut es Vertrauen nicht nur zur Bezugsperson, sondern zu seiner gesamten Umwelt auf. Ein sogenanntes Urvertrauen entsteht. Wird ein Baby vernachlässigt und die Bedürfnisse werden nicht befriedigt, fühlt es sich hilflos und es entsteht Urmisstrauen, das sich das gesamte Leben lang in emotionaler Abhängigkeit, Gier oder innerer Leere äußern kann.
2. Stufe: Autonomie vs. Scham und Zweifel 2.-3. Lebensjahr Kinder lernen in diesem Alter ihren eigenen Willen zu entwickeln und wollen diesen durchsetzen. Im Kontrast dazu stehen Verbote und Grenzen, die von Bezugspersonen gesetzt werden.   Bekommen Kinder im Rahmen dieser Autonomiephase trotz nötiger Verbote auch Freiheiten eingeräumt, werden sie in ihrem Ur-Vertrauen bestärkt und erlangen Selbstvertrauen. Wird ihr Freiheitsdrang zu stark eingeschränkt, können Zweifel und Scham entstehen, die stärker ausgeprägt sind, je mehr Kinder in ihrer Autonomiephase eingeschränkt werden.
3. Stufe: Initiative vs. Schuldgefühl  4.-5. Lebensjahr Im Vorschulalter lösen sich Kinder langsam von den Eltern und treffen Entscheidungen auch unabhängig von ihren Bezugspersonen. Sie wollen die Initiative ergreifen und entwickeln dabei ihr eigenes Moralgefühl. Es sagt ihnen, ob sie etwas falsch gemacht haben und eventuell Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen bekommen. Das Gefühl für die eigene soziale Rolle entwickelt sich. Der Grundstein für Weiterentwicklung und Selbstständigkeit wird gelegt. Fühlen sich Kinder in dieser Phase häufig schuldig und erfahren viele Verbote, führt das zu einer negativen Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse sowie der eigenen Persönlichkeit. Dies kann zu Leistungsdruck und Selbsteinschränkungen führen.
4. Stufe: Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl 6. Lebensjahr bis Pubertät Der Werksinn steht in dieser Phase im Fokus, was bedeutet, dass Kinder gerne mehr mit ihren eigenen Händen erschaffen wollen. Sie möchten an der Welt der Erwachsenen teilnehmen. Erwachsenen kommt hierbei die Verantwortung zu, Kindern machbare Aufgaben zu geben und sie für ihre Erfolge auch zu loben. Kinder zu unterschätzen und ihnen nichts zuzutrauen, kann zu Minderwertigkeitsgefühlen führen, die sich später in Arbeitsversessenheit und Unsicherheit äußern können. Werden Kinder regelmäßig überfordert, können Angstgefühle entstehen. Ein gesundes Mittelmaß der gestellten Aufgaben ist essenziell für jedes Individuum.
5. Stufe: Identität vs. Identitätsdiffusion Jugendalter Die Beschäftigung mit dem eigenen Selbstbild wird mehr, Freunde bekommen eine größere Bedeutung. Das Selbstbild formt sich durch das Wissen über sich selbst und das, was die Umwelt über einen denkt. Dies abzugleichen und einzuordnen, führt dazu, den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden. Kann sich die Identität nicht festigen, zum Beispiel aufgrund zu starker Abweichungen von Selbstbild und Fremdbild, kann es zur Identitätsdiffusion kommen. Jugendliche wissen dann nicht, wer sie sind und wo ihr Platz in der Gesellschaft ist und ziehen sich deshalb zurück. Treue, Selbstakzeptanz und Toleranz sind wichtige Persönlichkeitsmerkmale, die sich in dieser Phase ausbilden und zur Knüpfung von Freundschaften beitragen.
6. Stufe: Intimität und Solidarität vs. Isolation Frühes Erwachsenenalter Die eigenen Wünsche nach Verbundenheit und Nähe zu verstehen, kennzeichnet diese Phase. Zeit mit Freunden sowie Zeit allein ist gleichermaßen wichtig. Den Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach Isolation sowie dem Bedürfnis nach Intimität und Verbundenheit zu akzeptieren, ist die Herausforderung dieser Stufe. Die moderne Gesellschaft stellt eine große Herausforderung für diese Stufe dar, da Arbeit und Mobilität häufig wenig Zeit lassen, sowohl für Isolation als auch für Zeit mit anderen.  Bei zu viel Zeit mit anderen Menschen können die eigenen Bedürfnisse aus den Augen verloren werden. Bei zu viel Zeit allein kann Einsamkeit die Folge sein. Diese Extreme gilt es zu vermeiden. 
7. Stufe: Generativität vs. Stagnation und Selbstabsorption   Der Gedanke an die nächste Generation kennzeichnet diese Stufe. Nicht nur dem eigenen Nachwuchs, sondern auch der gesamten zukünftigen Generation soll es gut gehen.  Generativität nennt es sich, wenn das Wohl anderer an erster Stelle stehen soll. Kindern das beizubringen, was man selbst im Leben bereits gelernt hat, kennzeichnet diese Phase. Doch auch man selbst sollte darüber nicht vergessen werden. Wer nur mit sich selbst beschäftigt ist, stagniert. Das kann dazu führen, dass Menschen sich abwenden, was zur Selbstabsorption führt. Wer die Balance schafft, sich um das eigene Wohl sowie das Wohl anderer zu kümmern, erfährt Stabilität und Zufriedenheit.
8. Stufe: Ich-Integrität vs. Verzweiflung   Diese Stufe ist durch eine Bilanz des eigenen Lebens geprägt. Wie das eigene Leben rückblickend wahrgenommen wird, ist entscheidend dafür, wie der Blick auf den eigenen Tod ausfällt.  Fällt der Rückblick auf das eigene Leben positiv und wohlwollend aus, kann die eigene Sterblichkeit besser akzeptiert werden. Die Rede ist dann von Ich-Integrität. Ist die Bilanz von Bereuen geprägt, führen Gedanken an den Tod eher zu Verzweiflung. Das Ziel dieser letzten Phase ist, das Glück im eigenen Leben zu erkennen und sich selbst Fehler zu verzeihen.

Gibt es kritische Punkte beim Erikson Stufenmodell?

Kritiker werfen Erikson vor, dass er den Einfluss des sozialen Umfelds zu hoch wertet. Auch lässt er bei seiner Betrachtung geschlechterspezifische Aspekte außen vor und ist mit seinen Gedanken stark im westlichen Wertesystem verankert. Das Entwicklungsmodell von Erikson wird in der Psychologie heutzutage aber nach wie vor als relevanter Inhalt vermittelt und bietet eine wichtige Grundlage, wenn es um die Betrachtung der Identitätsentwicklung vom Kindesalter bis ins hohe Lebensalter geht.

Fazit: Das Erikson Stufenmodell prägt die Psychologie bis heute

Wünsche und Bedürfnisse vs. Umwelt und soziale Einflüsse kennzeichnen das Stufenmodell von Erikson. In jeder der acht Phasen gibt es Konflikte, die das Individuum bewältigen muss und die über die Weiterentwicklung der Identität entscheiden. Auch wenn es Kritik an Eriksons Modell gibt, so gilt es bis heute als Grundlage zum Thema Identitätsentwicklung, die nie abgeschlossen ist und bis ins hohe Lebensalter anhält. 


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