Situationsansatz in der Kita: Grundsätze und Herausforderungen


21.08.2022

Das Wichtigste in Kürze:

• Der Situationsansatz stellt die Bedürfnisse und Interessen des Kindes in den Vordergrund.
• Ziel ist es, Kinder mit unterschiedlichem Hintergrund gleichermaßen in ihrer Selbstständigkeit zu fördern.
• Aufgabe der Erzieher ist es, Schlüsselsituationen zu erkennen und im jeweiligen Moment flexibel zu reagieren.
• Die Kinder sollen in ihrer Neugierde, ihrer Kompetenz, ihrem Selbstwert und in ihrer Autonomie unterstützt werden.
• Der pädagogische Ansatz entsteht aus den realen Lebenssituationen der Kinder heraus.

Die Entstehungsgeschichte des Situationsansatzes reicht bis in die 1970er Jahre zurück, in denen man erkannte, dass Kinder im Kindergarten aktiv gefördert werden sollten und die frühkindliche Zeit viele Gelegenheiten zum Lernen bietet. Der Situationsansatz ist ein Konzept der Pädagogik zur Begleitung von Bildungsprozessen sowie Lebensbewältigungsprozessen, die in der Kita geschehen. 

Beim Situationsansatz stehen die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes im Vordergrund, es wird in seiner Individualität wahrgenommen und von den Erziehern in der Kita an dem Punkt abgeholt, an dem es sich befindet. 

Welche Herausforderungen birgt der Situationsansatz für Erzieher in der Kita?

Beim Situationsansatz geht es darum, dass die Erzieher im Alltag Schlüsselsituationen identifizieren, in denen die Kinder potenziell etwas für ihr späteres Leben lernen können. Solche Schlüsselsituationen sollten dann aufgegriffen und verstärkt werden. Dabei liegt die Herausforderung für Erzieher darin, dass die Kinder alle verschieden sind, aus unterschiedlichen Familien kommen und andere Hintergründe haben. 

Für den Situationsansatz gibt es keine Wochenpläne oder festgelegte Zeiten, in denen dieser praktiziert wird. Vielmehr haben die Erzieher die anspruchsvolle Aufgabe, alltägliche Lebenssituationen, in denen das Kind etwas lernen will, als Schlüsselsituation zu identifizieren und das Kind dann darin zu unterstützen und zu fördern. 

Welchen Grundsätzen unterliegt der Situationsansatz?

Es gibt 16 Grundsätze des Situationsansatzes, die Erzieher Grundlage und Anleitung sein können. Sie helfen, das Kind sowie den Situationsansatz besser zu verstehen und die individuelle Förderung gestalten zu können:

  1. Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit ist das Kind mit seinem jeweiligen soziokulturellen Hintergrund.
  2. Im Austausch mit Eltern, Kollegen und den Kindern selbst, finden Erzieher heraus, welche Lebenssituationen für die Kinder Schlüsselsituationen sein können.
  3. Die Analyse der Wünsche und Fähigkeiten des Kindes steht im Fokus und eröffnet den Zugang zum Kind.
  4. Erzieher unterstützen die geschlechterspezifische Entwicklung der kindlichen Identität, ohne stereotype Rollen zu fördern.
  5. Die Fantasie der Kinder im Spiel wird gefördert, um ihre Sicht auf die Welt besser verstehen zu können. 
  6. Jüngere und ältere Kinder sollen interagieren und voneinander lernen.
  7. Kinder werden von den Erziehern in ihrer Selbstständigkeit gefördert, indem sie die Abläufe in der Kita mitgestalten können.
  8. Erzieher vereinbaren Regeln gemeinsam mit Kindern, damit diese Werte und Normen kennenlernen.
  9. Unterschiedliche kulturelle Hintergründe der Kinder sorgen für Herausforderungen und Chancen bei der pädagogischen Arbeit in der Kita.
  10. Kinder mit Behinderungen, Förderbedarf oder Entwicklungsverzögerung werden integriert.
  11. Die Räume in der Kita werden kindgerecht und zusammen mit den Kindern gestaltet.
  12. Erzieher lehren und lernen zugleich – auch sie entwickeln sich durch die Lernprozesse der Kinder weiter.
  13. Erzieher und Eltern arbeiten als enge Partner zusammen.
  14. Die Kita öffnet sich nach außen hin und kooperiert mit anderen pädagogischen sowie sozialen Einrichtungen.
  15. Auf Basis von Situationsanalysen erfolgt eine prozessbasierte Planung, die individuell umgesetzt und fortlaufend dokumentiert wird.
  16. Die Kita ist eine Einrichtung, die Qualität sichert und Veränderungen offen gegenübersteht.

Wie genau sieht der Situationsansatz in der Praxis aus?

Beim Situationsansatz geht es darum, aus einer Schlüsselsituation heraus kleine Projekte zu gestalten und die Kinder zu fördern. Beispiele:

  • Ein Kind versucht in der Kita, beim Spielen an der frischen Luft, immer wieder ein Klettergerüst hochzukommen. Wenn Sie das erkennen, ermöglichen Sie dem Kind immer wieder, dass es rausgehen und klettern kann, bis es ein Erfolgserlebnis verspürt.
  • Ein Kind bekommt von einem älteren Kind etwas gezeigt. Fördern Sie die Interaktion zwischen den beiden Kindern und geben Sie ihr Raum. Wenn beide Kinder eine Hilfestellung von Ihnen benötigen, seien Sie da, aber lassen Sie gemeinsam spielen.
  • Ein Kind reagiert während eines Ausflugs in den Wald neugierig auf die Umgebung und hebt immer wieder Blätter oder Stöcke auf. Nutzen Sie die Situation und erklären Sie die Natur. Regen Sie zum Basteln und Gestalten mit den Blättern und Stöcken an.
  • Ein Kind ist schüchtern und fühlt sich nicht in die Gruppe integriert. Ermöglichen sie immer wieder kleine Erfolgserlebnisse, wie zum Beispiel selbstständig auf die Wickelkommode zu klettern, selbstständig zu essen oder in einem Erzählkreis etwas zu erzählen, sodass das Selbstvertrauen des Kindes wächst.

Verlieren die Kinder in Situationen, die Sie ursprünglich als Schlüsselsituation identifiziert hatte schneller als gedacht das Interesse, bleiben Sie wachsam und flexibel für die nächste Situation. Diese kann sich aus jeglicher Lebens- und Alltagssituation heraus ergeben.

Wichtig: Der Situationsansatz sollte nicht mit dem situationsorientierten Ansatz von Armin Krenz verwechselt werden. Bei diesem Konzept geht es stärker um die Gegenwart und Vergangenheit der Kinder, während der Situationsansatz vorgreift.

Welche Probleme gibt es bei der Anwendung des Situationsansatzes in der Praxis?

In der Theorie klingt der Situationsansatz sinnvoll, in der Praxis allerdings kann es aufgrund von Personalmangel dazu kommen, dass die individuelle Beobachtung und Betreuung der Kinder nicht immer derart ausgiebig möglich ist. Ebenso sind auch nicht immer die Eltern zur Kooperation bereit oder die Integration von Kindern mit anderen Entwicklungsmöglichkeiten wie Sprachproblemen oder körperlichen Behinderungen gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Auch sind situationsorientierte Projekte nicht immer der richtige Weg, Kinder zu unterstützen. Je nachdem, um welches alltägliche Verhalten es sich handelt, kann dahinter auch eine Signalwirkung stecken, mit der Kinder auf emotionales Ungleichgewicht aufmerksam machen wollen. Hier gilt es als Erzieher wachsam zu sein und Signale zu erkennen.

Fazit: Der Situationsansatz hat sich in Kitas bewährt

Dennoch gilt der Situationsansatz als ein bewährtes Konzept in Kitas und schärft das Bewusstsein von Erziehern dafür, ihre Pädagogik am Kind selbst auszurichten und nicht nur an Lehrplänen. Das Kind steht im Zentrum mit seinem Hintergrund, seinen Bedürfnissen und seiner gesamten Individualität und wird in Lebenssituationen, die prägend sein könnten, in Autonomie, Kompetenz, Selbstvertrauen und auch in der Solidarität mit anderen motiviert und gefördert.


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