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Die 5 Prinzipien der bedürfnisorientierten Erziehung

© KI generiert mit Midjourney
Inhaltsverzeichnis

Immer wieder gibt es neue pädagogische Begriffe und Konzepte, die sich zu einer Modeerscheinung entwickeln. Sie erreichen damit das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit mit einigen wenigen plakativen Schlagwörtern. Ebenso schnell wachsen dann auch Vorurteile, die sich ebenfalls mit ungenauen Vorannahmen begnügen. Diese Beschreibung trifft auch auf die bedürfnisorientierte Erziehung zu. Ist sie nur ein beliebiger Trend oder eine längst überfällige pädagogische Haltung? Machen Sie sich selbst ein Bild und lernen Sie die 5 Prinzipien der bedürfnisorientierten Erziehung kennen.

Die Grundannahme: Ohne Beziehung keine Erziehung

Kinder entwickeln sich erfolgreicher und lernen besser, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen. Das ist keine bahnbrechende neue Erkenntnis. Zum ersten Mal in der Geschichte der kindlichen Erziehung verfügen wir jedoch über eine Fülle von gesichertem Forschungsmaterial zu diesem Thema. Pädagogen, Psychologen, Kommunikationsforscher und Neurowissenschaftler können mit ziemlicher Genauigkeit beschreiben, wie das optimale Erziehungsklima aussehen sollte. Betrachten Sie es wie eine Gleichung: eine sichere und angstfreie Umgebung = Entwicklungsspielraum und Lernfreude.

Genau dies tritt ein, wenn Sie mit Empathie und Beziehungsangeboten dem Kind zuverlässig zur Verfügung stehen. Es stimmt. Mit dieser Aufgabe wächst auch Ihre Verantwortung.

Die Kinder sind immer jünger und besuchen für immer längere Zeit die Kita. Sie persönlich gehören damit zu den Akteuren, die maßgeblich Einfluss auf die Bindungsbiografie und damit auch auf die Bildungsqualität des Kindes nehmen.

Sehen Sie daher die wesentlichen 5 Prinzipien der bedürfnisorientierten Erziehung im Überblick, verbunden mit Beispielen aus der Praxis.

Prinzip 1: Eine sichere emotionale Bindung bildet ein Fundament für Bildung

Beispiel

Konstantin, 3 Jahre, hat seine Eingewöhnungszeit eigentlich schon beendet. In diesen 6 Wochen war sein Bezugserzieher längere Zeit krank. Heute bietet er Malen mit Wasserfarben an. Trotz mehrfacher Aufforderung, den Pinsel zu nehmen und ins Wasser zu tauchen, rührt sich Konstantin nicht. Weder blickt er auf sein Blatt, noch schaut er seinen Bezugserzieher an.

Pädagogische Schlussfolgerung

Der Beziehungsaufbau zwischen Ihnen und einem Kind verläuft nie nach Schema F. Dies gilt besonders für die Eingewöhnungszeit. Nehmen Sie sich Zeit, das Kind und seine Signale kennenzulernen.  

Prinzip 2: Das Verhalten ist der Weg des Kindes, seine Bedürfnisse anzumelden

Beispiel

Suse, 4 Jahre, zeigt pünktlich zur Mittagszeit immer das gleiche Verhalten. Sie spielt mit dem Becher, verschüttet große Mengen Wasser, klappert mit dem Besteck und schiebt den Teller hin und her. Alle sind von dieser motorischen Unruhe irritiert. Die Erzieherin hat sie schon wiederholt gebeten, das zu unterlassen. Vergeblich – eigentlich wird es dann nur schlimmer. Die Fachkraft beobachtet Suse genauer und bemerkt, dass Suse in der Erzählrunde vor dem Essen immer sehr abwesend wirkt und an ihrem Unterarm nuckelt. Sie geht daher davon aus, dass Suse zu dieser Zeit sehr müde ist. Die folgende Unruhe interpretiert sie als Strategie des Kindes, sich wach zu halten.

Pädagogische Schlussfolgerung

Das Kind nutzt Verhaltensweisen immer, um auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen – nicht, um jemanden zu ärgern. Betrachten Sie das Verhalten als Spitze eines Eisbergs und versuchen Sie, den guten Grund dafür zu herauszufinden.

Prinzip 3: Die Bedürfnisse aller Akteure sind wichtig

Beispiel

Beispiel

Tanja, 4 Jahre, sitzt auf der Garderobenbank und ist außer sich. Sie schreit, tobt und kickt ihre Schuhe durch den Flur. Die Anerkennungspraktikantin möchte sie trösten, wird jedoch getreten, und Tanja versucht, sie zu beißen. Daher setzt sie sich in einem gewissen Abstand zu dem Kind und sagt: „Ich sehe, dass irgendetwas dich sehr aufregt. Vermutlich hast du dafür einen Grund. Ich lasse mich jedoch auf gar keinen Fall von dir treten oder beißen. Ich werde jetzt hier warten, bis es dir etwas besser geht. Dann kannst du mir vielleicht sagen, was dich so wütend gemacht hat, und wir lösen das Problem gemeinsam.“

Pädagogische Schlussfolgerung

Es hält sich hartnäckig das Vorurteil, in der bedürfnisorientierten Erziehung ginge es ausschließlich um kindliche Bedürfnisse. Es wird jedoch kein Unterschied gemacht zwischen den Bedürfnissen der Akteure: Sie sind gleichwertig. Daher dürfen und sollen Sie ganz klar dem Kind Orientierung geben und aufzeigen, wenn auch Ihre Grenzen verletzt werden.

Prinzip 4: Die Sprache ist klar und gewaltfrei

Beispiel

Aus der Malecke ertönt lautes Gebrüll. Felix, 5 Jahre, hat mit sehr viel Mühe ein Bild gemalt. Laurenz hielt es für eine gute Idee, sich 2 Filzstifte zu nehmen und dicke Striche quer über das Bild zu malen. Felix beschimpft ihn mit unschönen Worten. Schließlich schlägt er ihm kräftig ins Gesicht. Es ist nicht neu, dass Felix sehr heftig reagiert, wenn er frustriert ist.

Pädagogische Schlussfolgerung

Wenn Sie selbst verärgert und gestresst auf ein aufgebrachtes Kind reagieren, entsteht ein Teufelskreis. Sie erreichen keine Entspannung der Situation. Sie beginnen, Forderungen nach Wohlverhalten zu stellen, die das Kind gerade nicht erfüllen kann, oder machen Vorwürfe. Sie liefern jedoch keine Orientierung, wie das Kind aus der Situation herauskommen kann.

Bleiben Sie in der Beziehung auf Augenhöhe zum Kind. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie seine Bedürfnisse und ggf. verletzten Gefühle erkannt haben. Formulieren Sie klar und entwicklungsgerecht, was an seinem Verhalten nicht angemessen ist und was Sie sich stattdessen wünschen.

Prinzip 5: Feinfühlige Reaktionen schaffen Beziehung

Beispiel

Lena, 5 Jahre, hat am Spielzeugtag ihr Spielzeug vergessen. Mit verdrossener Miene betritt sie den Gruppenraum. Jetzt ist auch noch der Platz am Frühstückstisch neben ihrer besten Freundin besetzt. Im Morgenkreis singen alle das Begrüßungslied, das sie schon in- und auswendig kennt. Und obwohl sie sich schon ewig meldet, wird Hannes drangenommen. Der Erzieher hat Lena beobachtet und nimmt, ohne die Gründe zu kennen, ihre wachsende Frustration wahr. Er nimmt sie daher beiseite und spricht sie direkt darauf an.

Pädagogische Schlussfolgerung

Ihre Aufgabe als Fachkraft besteht darin, das Kind mit seinen verbalen, vor allem jedoch seinen nonverbalen Signalen wahrzunehmen. So sind Sie in der Lage, sich rechtzeitig mit dem Kind über seine Bedürfnisse zu verständigen und sie feinfühlig zu beantworten. Diese pädagogische „Hellsichtigkeit“ stellt fraglos eine besondere Herausforderung dar und ist Qualitätsmerkmal einer guten Beziehung.

Fazit

Bedürfnisorientierte Erziehung sollte vielleicht eher „beziehungsorientierte“ Erziehung heißen. Sie ist kein Maßnahmenkatalog für den Umgang mit Kindern, sondern eine Haltung. Die Erwachsenen sind sich dabei ihrer besonderen Machtposition gegenüber dem Kind bewusst. Anders als bei einem Laisserfaire- Stil üben sie diese feinfühlig aus, ohne dem Kind dabei Orientierung zu versagen. Da auch die Bedürfnisse der Fachkräfte im Fokus stehen, dürfen wir uns in Zeiten des Personalmangels und der damit verbundenen Arbeitsverdichtung wertvolle Impulse von dieser pädagogischen Richtung erhoffen.