Die 5 Prinzipien der bedürfnisorientierten Erziehung
Immer wieder gibt es neue pädagogische Begriffe und Konzepte, die sich zu einer Modeerscheinung entwickeln. Sie erreichen damit das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit mit einigen wenigen plakativen Schlagwörtern. Ebenso schnell wachsen dann auch Vorurteile, die sich ebenfalls mit ungenauen Vorannahmen begnügen. Diese Beschreibung trifft auch auf die bedürfnisorientierte Erziehung zu. Ist sie nur ein beliebiger Trend oder eine längst überfällige pädagogische Haltung? Machen Sie sich selbst ein Bild und lernen Sie die 5 Prinzipien der bedürfnisorientierten Erziehung kennen.
Die Grundannahme: Ohne Beziehung keine Erziehung
Kinder entwickeln sich erfolgreicher und lernen besser, wenn sie sich sicher und geborgen fühlen. Das ist keine bahnbrechende neue Erkenntnis. Zum ersten Mal in der Geschichte der kindlichen Erziehung verfügen wir jedoch über eine Fülle von gesichertem Forschungsmaterial zu diesem Thema. Pädagogen, Psychologen, Kommunikationsforscher und Neurowissenschaftler können mit ziemlicher Genauigkeit beschreiben, wie das optimale Erziehungsklima aussehen sollte. Betrachten Sie es wie eine Gleichung: eine sichere und angstfreie Umgebung = Entwicklungsspielraum und Lernfreude.
Genau dies tritt ein, wenn Sie mit Empathie und Beziehungsangeboten dem Kind zuverlässig zur Verfügung stehen. Es stimmt. Mit dieser Aufgabe wächst auch Ihre Verantwortung.
Die Kinder sind immer jünger und besuchen für immer längere Zeit die Kita. Sie persönlich gehören damit zu den Akteuren, die maßgeblich Einfluss auf die Bindungsbiografie und damit auch auf die Bildungsqualität des Kindes nehmen.
Sehen Sie daher die wesentlichen 5 Prinzipien der bedürfnisorientierten Erziehung im Überblick, verbunden mit Beispielen aus der Praxis.
Prinzip 1: Eine sichere emotionale Bindung bildet ein Fundament für Bildung
Pädagogische Schlussfolgerung
Der Beziehungsaufbau zwischen Ihnen und einem Kind verläuft nie nach Schema F. Dies gilt besonders für die Eingewöhnungszeit. Nehmen Sie sich Zeit, das Kind und seine Signale kennenzulernen.
Prinzip 2: Das Verhalten ist der Weg des Kindes, seine Bedürfnisse anzumelden
Pädagogische Schlussfolgerung
Das Kind nutzt Verhaltensweisen immer, um auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen – nicht, um jemanden zu ärgern. Betrachten Sie das Verhalten als Spitze eines Eisbergs und versuchen Sie, den guten Grund dafür zu herauszufinden.
Prinzip 3: Die Bedürfnisse aller Akteure sind wichtig
Pädagogische Schlussfolgerung
Es hält sich hartnäckig das Vorurteil, in der bedürfnisorientierten Erziehung ginge es ausschließlich um kindliche Bedürfnisse. Es wird jedoch kein Unterschied gemacht zwischen den Bedürfnissen der Akteure: Sie sind gleichwertig. Daher dürfen und sollen Sie ganz klar dem Kind Orientierung geben und aufzeigen, wenn auch Ihre Grenzen verletzt werden.
Prinzip 4: Die Sprache ist klar und gewaltfrei
Pädagogische Schlussfolgerung
Wenn Sie selbst verärgert und gestresst auf ein aufgebrachtes Kind reagieren, entsteht ein Teufelskreis. Sie erreichen keine Entspannung der Situation. Sie beginnen, Forderungen nach Wohlverhalten zu stellen, die das Kind gerade nicht erfüllen kann, oder machen Vorwürfe. Sie liefern jedoch keine Orientierung, wie das Kind aus der Situation herauskommen kann.
Bleiben Sie in der Beziehung auf Augenhöhe zum Kind. Bringen Sie zum Ausdruck, dass Sie seine Bedürfnisse und ggf. verletzten Gefühle erkannt haben. Formulieren Sie klar und entwicklungsgerecht, was an seinem Verhalten nicht angemessen ist und was Sie sich stattdessen wünschen.
Prinzip 5: Feinfühlige Reaktionen schaffen Beziehung
Pädagogische Schlussfolgerung
Ihre Aufgabe als Fachkraft besteht darin, das Kind mit seinen verbalen, vor allem jedoch seinen nonverbalen Signalen wahrzunehmen. So sind Sie in der Lage, sich rechtzeitig mit dem Kind über seine Bedürfnisse zu verständigen und sie feinfühlig zu beantworten. Diese pädagogische „Hellsichtigkeit“ stellt fraglos eine besondere Herausforderung dar und ist Qualitätsmerkmal einer guten Beziehung.
Fazit
Bedürfnisorientierte Erziehung sollte vielleicht eher „beziehungsorientierte“ Erziehung heißen. Sie ist kein Maßnahmenkatalog für den Umgang mit Kindern, sondern eine Haltung. Die Erwachsenen sind sich dabei ihrer besonderen Machtposition gegenüber dem Kind bewusst. Anders als bei einem Laisserfaire- Stil üben sie diese feinfühlig aus, ohne dem Kind dabei Orientierung zu versagen. Da auch die Bedürfnisse der Fachkräfte im Fokus stehen, dürfen wir uns in Zeiten des Personalmangels und der damit verbundenen Arbeitsverdichtung wertvolle Impulse von dieser pädagogischen Richtung erhoffen.