Warum Sinneswahrnehmungen bei Kindern der Sprachentwicklung guttun


25.06.2018

Damit Kinder eine Sprache lernen, sind viele sinnliche Erfahrungen notwendig. Dabei ist nicht nur die akustische Wahrnehmung von Bedeutung, sondern alle Sinne in ihrer Gesamtheit und im Zusammenspiel sind beteiligt. Hier erfahren Sie, wie die anderen Sinne die Sprachentwicklung fördern, und wie Sie diese für Ihre tägliche Arbeit nutzen.

Die Voraussetzung für eine gute Entwicklung und damit auch für die Sprache ist, dass alle Informationen vom Gehirn abgespeichert werden. Das Kind muss diese Sinneseindrücke verarbeiten, richtig einordnen und miteinander verknüpfen.

Auf die Sprache bezogen heißt das: Ein Kind kann Sprache nur perfekt lernen, wenn seine Sinne und die Verarbeitung störungsfrei funktionieren. Bis zu einem Alter von sieben Jahren verarbeitet das Gehirn vorwiegend die unterschiedlichen Wahrnehmungen einfach. Die anschließenden Reaktionen darauf sind in dem Alter noch eher spontan, als vom Verstand geprägt

Die Bedeutung der visuellen Wahrnehmung für die Sprachentwicklung

Die visuelle Wahrnehmung ist wichtig für eine altersgemäße Artikulation, denn Kinder nehmen Sprache auch visuell wahr. Dies geschieht, indem sie sich die Mundbilder von anderen Menschen beim Sprechen anschauen und versuchen, diese nachzuahmen. Wenn Sie mit den Kindern sprechen, dann

  • sehen die Kinder den beschriebenen bzw. genannten Gegenstand oder die Tätigkeit und hören Ihre Worte.
  • erkennen die Kinder Formen, Farben und verschiedene Größen und können diese einordnen (Beispiel: Es kann einen Apfel auf einem Teller als etwas Essbares erkennen).
  • nehmen Kinder Wörter visuell und auditiv wahr und stellen eine Verbindung zwischen beidem her.
  • ordnen sie verschiedenen Objekten unterschiedliche Bedeutungen zu

Blinde Kinder weisen oftmals Verzögerungen bei der Sprachentwicklung auf, obwohl sie die Sprache hinreichend hö­ren können. Sie können viele Dinge der Umwelt nicht visuell erfassen und die richtige Mundstellung nicht ablesen

So fördern Sie die visuelle Wahrnehmung der Sprache im Alltag

Mit diesen einfach umsetzbaren Tipps können Sie die visuelle Wahrnehmung der Sprache bei den Kindern fördern:

  1. Schauen Sie die Kinder beim Sprechen immer an, sodass diese Ihre Mundbewegungen sehen können. So hören die Kinder nicht nur ein Wort und einen Laut, sondern sehen auch das zum Laut passende Mundbild.
  2. Verbinden Sie die Sprache immer mit Gesten. Zeigen Sie den Kindern den Gegenstand, über den Sie sprechen. So verbinden die Kinder das Wort mit dem entsprechenden Objekt.
  3. Begleiten Sie Ihre Handlungen immer mit Sprache. Beispielsweise fegen Sie den Dreck auf dem Boden zusammen und erzählen den Kindern gleichzeitig, was Sie machen.

Die Bedeutung der taktilen Wahrnehmung für die Sprachentwicklung

Die ersten Laute bilden Kinder ab ca. 2 Monaten (1. Lallphase). Sie haben Spaß beim Auslösen und Ausprobieren von taktilen Reizen im Mund und Lippenbereich, die durch die Lautproduktion entstehen. Durch das Lallen, Jauchzen und Gurren trainieren sie ihre Feinmotorik im Mundbereich. Diese und die ausreichende Wahrnehmung der Lippen- und Zungenbewegung sind eine wichtige Voraussetzung, um sprechen zu lernen.

Kinder müssen mit der Zunge, den Lippen und über die Muskelspannung spüren können, um beispielsweise Phoneme wie „b“ und „p“ und „t“ und „d“ unterscheiden zu lernen. Hierzu ist es wichtig, dass sie blitzschnell die Lage der Lippe zur Zunge und den Öffnungswinkel des Mundes erfassen, um entsprechend artikulieren zu können. Um die Bedeutung der Wörter zu erlernen, ist es notwendig, dass Kinder sich möglichst viel Wissen über die Umwelt aneignen.

Das gelingt ihnen, indem sie die Dinge um sich herum mit den Händen und bei Kleinkindern auch mit dem Mund erforschen. Sie erfahren so die Größe, das Material und die Form eines Gegenstandes.

Nur, was Kinder gefühlt und gespürt haben, können sie auch in Worte fassen.

Beispiel: Wenn ein Kind „am eigenen Leib“ erfahren hat, dass ein Eis kalt ist, hat es die Bedeutung des Wortes „kalt“ erfahren. Alles andere ist „nur“ nachsprechen.

So fördern Sie die taktile Wahrnehmung der Sprache im Alltag

Im Alltag können Sie den Kindern unterschiedliche taktile Anreize bieten. Achten Sie bei der Raumausstattung darauf, dass Sie Materialen mit unterschiedlichen Oberflächenstrukturen verwenden. Bieten Sie den Kindern viele unterschiedliche Materialen zum Betasten und Befühlen an.

  1. Sprechen Sie mit den Kindern über die Sinnesempfindungen und fassen Sie diese in Worte, wenn die Kinder noch keine Worte dafür haben.
  2. Lassen Sie die Kinder Begriffe, wie beispielsweise „hart“ und „weich“, „kalt“ und „warm“ selbst erfahren.
  3. Achten Sie bei der Auswahl von Speisen darauf, den Kindern unterschiedliche Konsistenzen zu bieten.

Die Bedeutung der kinästhetischen und propriozeptiven Wahrnehmung

Die Lage- und Bewegungsempfindungen, die ein Kind nicht visuell erfährt, sind die sogenannten kinästhetischen und propriozeptiven Wahrnehmungen. Diese Reize kommen nicht von außen, das Kind registriert sie durch die Bewegung, die Muskeln, Sehnen und Gelenke im Innern des Körpers.

Diese Bewegungsempfindungen sind Wahrnehmungen, die für das Sprechen lernen von großer Bedeutung sind. Denn durch das Saugen, Schlucken und Kauen trainieren die Kinder die Koordination der Mundmuskulatur, die für die Sprechbewegungen notwendig sind. Die kinästhetische Wahrnehmung sorgt dafür, dass ein Kind

  • ohne zu schauen weiß, wo sich die einzelnen Körperteile befinden. Beispiel: Nur wenn ein Kind weiß, welche Lage die Zunge im Mundraum einnimmt, kann es diese beim Sprechen zielgerichtet einsetzen.
  • abschätzen kann, wie viel Muskelkraft notwendig ist, um beim Sprechen z. B. einen Buchstaben richtig zu artikulieren.

Die kinästhetische Wahrnehmung ist nicht nur eine Grundvoraussetzung für die Artikulation. Sie ist auch notwendig, damit ein Kind den Satz „Stelle dich mit einem Bein auf den Balancierbalken“ verstehen und umsetzen kann. Und um Aussagen, wie „Ich stehe auf einem Bein auf dem Balancierbalken“, treffen zu können.

So fördern Sie die kinästhetische und propriozeptive Wahrnehmung im Alltag

Für eine gute Aussprache ist es notwendig, dass die Kinder über eine gute Mund-, Lippen und Zungenmotorik und Wahrnehmung verfügen. Nur so können sie Buchstaben lautgerecht aussprechen.

  1. Achten Sie darauf, dass die Kinder beim Essen auch härtere Lebensmittel zu sich nehmen. Sie trainieren so die Wahrnehmung der Speisen und zeitgleich auch die gesamte Mundmuskulatur im Mundraum.
  2. Bieten Sie den Kindern regelmäßig Spiele zur Förderung der Mund-, Lippen- und Zungenmotorik an.
  3. Spielen Sie Spiele, bei denen die Kinder beschreiben müssen, wo sich ihre Körperteile befinden. Beispiel: „Ich stehe auf den Zehenspitzen und meine Hände sind hoch über dem Kopf.“ Ein Spiel, das Sie direkt umsetzen können, finden Sie auf der Karteikarte „Das Marionettenspiel“ auf der ersten Sprach-Sammelkarte in dieser Ausgabe.

Bedeutung der olfaktorischen und gustatorischen Wahrnehmung

Das Riechen und das Schmecken (olfaktorische und gustatorische Wahrnehmung) sind ebenso wichtig für den Spracherwerb. Das, was die Kinder einmal gerochen oder geschmeckt haben, können sie aus ihrem Gedächtnis abrufen und in Worte kleiden.

So fördern Sie die olfaktorische und gustatorische Wahrnehmung im Alltag

Insbesondere die Geschmacks- und Geruchserfahrungen lassen sich sehr gut im Alltag trainieren.

  1. Achten Sie bei der Auswahl der Speisen darauf, den Kindern immer wieder neue Geruchs- und Geschmackserfahrungen zu bieten.
  2. Sprechen Sie beim Essen mit den Kindern über die Geschmackserfahrungen. Verwenden Sie dabei die Worte „süß“, „sauer“, „salzig“ und „bitter“, um Geschmackserfahrungen zu beschreiben.
  3. Machen Sie die Kinder bewusst auf Gerüche aufmerksam. Artikulieren Sie Ihre Geruchserfahrungen, indem Sie beispielsweise sagen: „Heute riecht es im Garten aber frisch.“ Für Geruchserfahrungen bieten sich beispielsweise Wörter an wie: „süß“, „stechend“, „säuerlich“, „würzig“, „blumig“, „modrig“, „fruchtig“, frisch“.

Bieten Sie den Kindern ganzheitliche Anregungen

Die Kinder machen die einzelnen Sinnesempfindungen nicht isoliert. Sie stehen immer in einem Zusammenhang. Helfen Sie den Kindern, über ihre Sinne neue Wörter zu lernen, zu verstehen, zu behalten und einzusetzen. Beispielsweise: Es gibt Mango als Nachspeise. Jedes Kind darf zunächst die Mango als komplette Frucht befühlen. Nachdem Sie die Frucht entkernt haben, geben Sie jedem Kind ein Stück zum Probieren.

  • Sie sagen den Kindern „Das ist eine Mango“
  • Die Kinder dürfen das Mangostück befühlen
  • Geben Sie den Kindern die Mango in die Hand, damit sie auch das Gewicht spüren
  • Lassen Sie die Kinder die Farbe betrachten
  • Die Kinder riechen an der Mango
  • Fordern Sie die Kinder anschließend dazu auf, die Mango zu probieren und das Fruchtfleisch bewusst zu schmecken.

Je mehr sinnliche Erfahrungen mit einem Wort verbunden sind, desto besser lernen die Kinder den Begriff in seiner Bedeutung und die Sinnverbindungen kennen.

Fazit:

Damit Kinder eine Sprache lernen, ist es notwendig, dass die Kinder Buchstaben lautgetreu artikulieren können und die Bedeutung der einzelnen Wörter kennen. Je besser sich ein Kind sprachlich ausdrücken kann, desto besser kann es eine Vorstellung von Gegenständen und Handlungen entwickeln. Es kann Dinge unterscheiden und in Ober-, Unterbegriffe und Kategorien einordnen.

Auch das Verständnis von Mengen-, Raum- und Zeitbegriffe sowie abstrakte Begriffe wie „Glück“ gehört dazu. Um all diese sprachlichen Fertigkeiten bei den Kindern zu fördern, brauchen die Kinder viele unterschiedliche Sinneserfahrungen


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